Helmut Schmidt-Fellow Thomas Straubhaar forscht an der Transatlantic Academy in Washington

„Ergebnisoffene EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sind richtig“

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), forscht ab dem 1. Februar 2010 als Helmut Schmidt-Fellow an der Transatlantic Academy in Washington D.C. Er beschäftigt sich dort mit dem Leitthema 2009/2010 "Turkey and its Neighbors: Implications for the Transatlantic Relationship", besonders mit der Wechselwirkung von Beitrittssituation und Migration. Das Helmut Schmidt-Fellowhip wird von der ZEIT-Stiftung vergeben.*

Straubhaar befürwortet den Vorstoß von Außenminister Guido Westerwelle hinsichtlich der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. „Außenminister Westerwelle hat mit seiner Initiative beim Staatsbesuch in Istanbul Anfang Januar so recht: Es ist im deutschen und auch europäischen Interesse, wenn ‚die Türkei nicht abdrifte, sondern sich reformiere und sich weiter Richtung EU orientiere‘. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die laufenden EU-Beitrittsverhandlungen ergebnisoffen zu führen sind“, sagt Straubhaar.

„Natürlich sind mit einem Beitritt der Türkei viele Herausforderungen verbunden“, betont Straubhaar. Die wohl prägendste sei demografischer Natur (vgl. Abbildung): ist heute Deutschland mit 82 Millionen Menschen noch das mit großem Abstand bevölkerungsstärkste Land der Europäischen Union (EU), würde das mit einem Beitritt der Türkei zur EU schlagartig ändern. Während die deutsche Bevölkerung – auch bei einer moderaten Zuwanderung – auf gegen 70 Millionen im Jahr 2050 schrumpfen wird, wächst die türkische Bevölkerung von heute rund 76 Millionen auf knapp unter 100 Millionen im Jahre 2050. Die Türkei würde damit zum ihrerseits mit Abstand bevölkerungsreichsten Land der EU werden. Verbunden mit dem Sachverhalt, dass 99 % der türkischen Bevölkerung muslimischen Glaubens ist, ergeben sich dadurch für die EU, die sich in der Präambel ihres Vertrags auf ihre christlichen Wurzeln beruft, besondere Herausforderungen. 

„Denn Europa hat mit der Aufklärung eine prägende historische Erfahrung“, führt Straubhaar weiter aus. Sie ist das Fundament, auf dem der für Europa unverzichtbare Wertekanon ruht. Dazu gehören die für alle Bürgerinnen und Bürger einer Gemeinschaft gleichermaßen und unantastbar geltenden Menschenwürde und Menschenrechte, die „zu achten und zu schützen ... Verpflichtung aller staatlicher Gewalt (ist), wie es in Artikel 1 des Grundgesetzes so wunderbar einfach formuliert ist. Dazu gehören der Schutz individueller Freiheitsrechte, die Wahrung einer demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnung sowie die Achtung von Minderheiten. Diese für das christlich aufgeklärte Europa charakteristischen Grundwerte geben den Maßstab vor, an dem sich nicht nur die Türkei oder andere potenzielle Neumitglieder, sondern auch immer wieder die EU-Länder selber, messen lassen müssen".

Als Auftaktveranstaltung hat am 12. Januar 2010 in Hamburg ein internationaler Workshop (On Migration Potentials From and To Turkey) des HWWI und der Transatlantic Academy (unter Mitwirkung und mit Unterstützung des Centre for Economic Policy Research London, der EU-Programms „Marie Curie Actions“ sowie des Türkei-EuropaZentrum Hamburg) stattgefunden. Programm und Beiträge sind auf der HWWI-Website zugänglich unter www.hwwi.org/Migration_Potentials.6231.0.html.

*Die Transatlantic Academy wurde 2008 von der Stuttgarter Robert Bosch Stiftung, der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Hamburg, der Lynde and Harry Bradley Foundation und dem German Marshall Fund in Washington gegründet (www.transatlanticacademy.org).

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die ZEIT-Stiftung, Frauke Hamann, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Tel. 040 413 6871, E-Mail: hamann@zeit-stiftung.de.



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Grafik zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und der Türkei von 2010 - 2050 (19 KB)


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