Neue Veranstaltungsreihe: Literatur zur Lage

Victor Hugo, Virginia Woolf oder Thomas Mann schrieben nicht nur herausragende Romane, sie reflektierten auch die Normen und Werte ihrer Zeit. Literatur war und ist daher auch ein Spiegel der Gesellschaft – ein Spiegel, der auch neue, unerwartete Perspektiven eröffnet.

Was aber hat uns „Literatur zur Lage“ 2019 zu sagen? Kulturredakteur Jan Ehlert blickt mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern in die Weltliteratur und in ihre eigenen Werke, in denen sie politische oder gesellschaftliche Fragen aufwerfen. Den Auftakt der Reihe an 23. Oktober bildete „Aufstieg der Autokraten. Romane als Rüstzeug gegen Rechtspopulisten“ mit Timur Vermes (Autor) und Kristian Bader (Sprecher). Weitere Informationen zu den einzelnen Abenden und zum Vorverkauf hier.

Im folgenden Interview spricht Jan Ehlert über das Wissen von Generationen, das in Romanen steckt und was die große Stärke von Literatur ist.

Herr Ehlert warum ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt für diese Reihe?

Wenn wir uns unsere Gesellschaft anschauen, dann scheint es zunehmend nur noch schwarz und weiß, richtig und falsch zu geben. Die Zwischentöne gehen verloren, und damit auch die Bereitschaft, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen und sich in andere Perspektiven hineinzudenken.
Genau das ist aber die große Stärke von Literatur. Ich denke, wir erinnern uns alle an Bücher, die uns aufgerüttelt haben, die uns elektrisiert haben und uns dazu gebracht haben, das eigene Handeln und Denken zu hinterfragen. Bei mir waren das zum Beispiel Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ oder die „Duineser Elegien“ von Rilke.
Der gesellschaftliche Trend geht dahin, sich möglichst schnell ein Urteil zu bilden, oft schon nach 160 Zeichen. Wenn wir Romane lesen, lassen wir uns dagegen über hunderte von Seiten auf die Gedanken der Protagonistinnen und Protragonisten ein, sehen die Welt mit ihren Augen, fühlen mit ihnen, leiden mit ihnen, freuen uns mit ihnen.

Was ist das Besondere an dem Format?

Wir gehen von einer aktuellen Frage aus, zum Beispiel, was wir gegen die wachsende soziale Ungleichheit tun können. Und wir schauen, welche Antworten Autorinnen und Autoren darauf gegeben haben. Zum Beispiel diskutieren wir mit Timur Vermes anhand seiner Bücher „Er ist wieder da“ und „Die Hungrigen und die Satten“, warum Populisten heute wieder so erfolgreich sind. Dabei schauen wir auch in die Literaturgeschichte, in die Gedanken und Erfahrungen, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit uns geteilt haben. Was hat uns etwa John Steinbecks „Früchte des Zorns“ heute über Ungleichheit zu sagen? Wie hat Sinclair Lewis den – gar nicht so fiktiven – Aufstieg eines Despoten in den USA beschrieben? Was können wir durch Virginia Woolfs „Orlando“ über die Durchlässigkeit von Geschlechterklischees erfahren? Und wenn es uns gelingt, mit dieser Reihe dem Publikum neue Einsichten und neue Argumente für diese Diskussion mitzugeben, dann haben wir viel erreicht.