Interview mit Eva Steinlein, Stipendiatin des Marion-Gräfin-Dönhoff-Journalistenprogramms

Eva Steinlein absolvierte als Stipendiatin des von der ZEIT-Stiftung geförderten Marion-Gräfin-Dönhoff-Journalistenprogramms (IJP) ein Praktikum bei der Nowaja Gaseta in Moskau. Während ihrer zweimonatigen Mitarbeit (Oktober und November 2019) in der Redaktion rercherchierte sie unter anderem zu Russlands ökologischen Problemen und der Bedrohung durch rechtsextreme Kräfte in Deutschland – Gefahren, die in den jeweiligen Gesellschaften bis vor kurzem weiße Flecken waren und ihnen nun schmerzhaft ins Bewusstsein treten.

Eva Steinlein kam 2012 zum ersten Mal nach Russland, als sie ein Jahr in Moskau studiert hat. Seitdem hat sich die russische Gesellschaft von Jahr zu Jahr verändert – umso wichtiger ist es als Journalistin, durch regelmäßige Rechercheaufenthalte Schritt zu halten und die Entwicklungen zu verfolgen. Nach dem Master an der Deutschen Journalistenschule war Eva Steinlein zunächst Nachrichtenredakteurin bei der Süddeutschen Zeitung. Seit 2018 ist sie in Hamburg in der Redaktion der Tagesschau und als Reporterin mit Schwerpunkt Osteuropa tätig. 

ZEIT-Stiftung: Wieso haben Sie sich für das Marion-Gräfin-Dönhoff-Journalistenprogramm beworben?

In Russland als Freie Journalistin zu recherchieren und zu arbeiten, ist aufgrund der Akkreditierungsvorschriften nicht einfach – aber besonders wichtig, denn das Land und die Gesellschaft sind im permanenten Umbruch. Das IJP-Stipendium war für mich eine Chance, die aktuelle Lage im Land mitzuerleben, Beiträge für meine deutschen Entsendemedien zu liefern und zu erfahren, unter welchen Bedingungen russische Journalisten ihrer Aufgabe nachkommen.

Was waren Ihre Erwartungen bevor Sie in die Gastredaktion gekommen sind? Wie war es dann tatsächlich dort zu arbeiten?

Ich hatte erwartet, dass es in der mittlerweile einzigen unabhängigen Investigativzeitung Russlands deutlich geheimer zugeht. Telefonate werden im Lautsprechermodus auf dem Gang geführt, Rückzugsräume gibt es nicht. Die Redakteure und Redakteurinnen blenden aber alle Widrigkeiten aus und gehen ganz in ihrer Arbeit auf – alles andere ist unwichtig. Das finde ich bewundernswert.

Was hat Sie an der Arbeit dort überrascht? Welche Erfahrungen konnten Sie mitnehmen?

In der Redaktion habe ich sowohl in der Politikredaktion als auch am Newsdesk hospitiert und hatte viel Gelegenheit zur selbstständigen Recherche. Unter anderem bin ich für das Thema Ökologie in die Provinzstadt Saransk gereist. Besonders in Erinnerung bleibt mir auch mir die Wahl des neuen Chefredakteurs Dmitrij Muratow Mitte November: Gelebte Basisdemokratie in Russland – mit deren Ergebnis dann längst nicht alle zufrieden schienen.

Warum ist der Austausch durch das Marion-Gräfin-Dönhoff-Journalistenprogramms wichtig?

Die Arbeitsweise russischer Kollegen kennenzulernen, ist unglaublich erdend: Branchengeflüster und „Personal Branding”, die im deutschen Journalismus allgegenwärtig sind, spielen hier kaum eine Rolle. Was zählt, ist: Sauber seine journalistische Arbeit zu machen und sich von nichts beirren zu lassen. „Auf den Erfolg unserer hoffnungslosen Mission!”, diesen Wahlspruch der dissidentischen Intelligenzija, habe ich erst hier wahrhaft verstanden. Eine wichtige Orientierung auch für meine weitere Arbeit.

Weitere Informationen zum Stipendium hier