Gastbeitrag von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda

Die Corona-Pandemie als Herausforderung und Lehrstück für unsere demokratische Gesellschaft:
2017 veröffentlichte der Soziologe Andreas Reckwitz ein Buch, dessen Titel radikal überspitzt die räumlichen Corona-Abstandsregelungen zu veranschaulichen scheint: „Die Gesellschaft der Singularitäten“. Reckwitz aber wollte auf etwas anderes hinaus: Er beschrieb unsere Gesellschaft als Ansammlung sich einzigartig wähnender Individuen. In dieser geht es nicht mehr um das gemeinsame Miteinander, sondern um das singuläre Herausstechen aus der Menge – das Lautersein als andere.

Auch dies erleben wir gerade verstärkt, und es fordert uns als offene, freie und demokratische Gesellschaft heraus. Verschwörungstheorien nehmen zu. Demonstrationen verschärfen sich. Manche Politikerinnen und Politiker sprechen von einem Kriegszustand. Die Corona-Pandemie erfordert ein schnelles Handeln und eindeutige Botschaften der Politik – aber Angst zu säen ist in einer Demokratie nie eine Lösung, weil sie die Vernunft blockiert und Spaltung evoziert.

Gerade jetzt müssen wir uns alle in der Fähigkeit und der Bereitschaft des aktiven Zuhörens üben. Ziel jeder Debatte müssen die Parameter der deliberativen Demokratie bleiben: Viele Stimmen in einem gleichberechtigten, verständnisbereiten und rationalen Dialog zusammenzubringen.

Wir täten gut daran, das Buch „Wie Demokratien sterben“ der Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt aufzuschlagen, in dem sie zwei Leitplanken für das Überleben der Demokratie benennen. Die erste ist das Eingeständnis, dass der andere auch Recht haben könnte. Die zweite, nicht jedes Recht auch bis zum Exzess in Anspruch nehmen zu müssen. Die Gesprächsgrundlage muss sein, sich überzeugen lassen zu wollen. Das ist oftmals anstrengend und manchmal auch kontrafaktisch. Mitunter sträubt sich der erste Impuls gegen eine Überzeugung. So fördert ein Kultursenator normalerweise Kunst und unterbindet sie nicht. Im Hinblick auf das Gemeinwohl waren die Schließungen und sind die aktuellen Beschränkungen aber im Wortsinn vernünftig. Die Corona-Pandemie appelliert an uns, mit solchen Dialektiken umzugehen zu lernen.

Kunst und Kultur haben das schon immer verstanden. Kunst und Kultur sind kein Standort-Sternchen oder Markting-must-have. Vielmehr sind sie aus sich selbst heraus erkenntnisrelevant. Sie eröffnen Denkräume und neue Perspektiven. Deswegen brauchen wir sie gerade jetzt und deswegen muss die Aufgabe der Politik sein, die künstlerische Produktion zu fördern und nicht nur den Stillstand finanziell zu kompensieren.

Es liegt an uns, nach der Corona-Pandemie in eine vor-coronale Routine zu fallen oder im Hinblick auf das Primat ökonomischer Prinzipien langfristig umzudenken. Fest steht dabei, dass Distanz nicht die Notwendigkeit des Diskurses außer Kraft setzt. Es macht ihn umso notwendiger, wenn wir nicht in lauter Singularitäten zersplittern wollen.


Ein Gastbeitrag von Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien