Die Zukunft der Globalisierung: Global Governance nach der Corona-Pandemie

Die Globalisierung wird derzeit auf den Kopf gestellt. Vieles, was früher als selbstverständlich galt, gilt plötzlich nicht mehr: Internationale Abkommen werden außer Kraft gesetzt, die innereuropäischen Grenzen sind von heute auf morgen geschlossen worden und Organisationen wie die WHO stecken in einer Imagekrise. Was bedeutet das zukünftig für die internationale Politik und globale Fragen? Wie kann Global Governance, also die kooperative, multilaterale Gestaltung der Globalisierung, nach der Corona-Krise aussehen? Im Bereich Politik und Gesellschaft arbeitet die ZEIT-Stiftung seit über zwanzig Jahren zu internationaler Politik und globalen Fragen. Wir haben Experten aus unserem Global Governance-Netzwerk gefragt, welche globalen Trends sie durch die Corona-Pandemie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erwarten oder für wahrscheinlich halten.

Dr. Nathalie Tocci, Direktorin des Istituto Affari Internazionali und Honorarprofessorin an der Universität Tübingen, geht davon aus, dass die Pandemie wie ein Katalysator für bereits bestehende Trends wirkt und sich daraus grundsätzliche strukturelle Veränderungen entwickeln werden. Für Nathalie Tocci ist es deshalb wichtig, dass die Europäer eine Führungsrolle in der Frage um eine kooperative, multilaterale Zukunft übernehmen.

Dr. Theo Sommer, ehemaliger Mitherausgeber der ZEIT und langjähriger Dean der Bucerius Summer School, argumentiert, dass die Corona-Krise der Globalisierung kein Ende setzen wird. Fehlentwicklungen wie zum Beispiel im Gesundheitssektor oder bei den Lieferketten der globalisierten Industrie müssen behoben werden. Die Überwindung der Krise erfordert das Zusammenwirken der Staaten und das gilt erst recht für die globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Migration und grenzüberschreitenden Terrorismus. „Wir müssen wieder ein Gleichgewicht herstellen zwischen den Vorteilen offener Märkte und wechselseitiger Ergänzung einerseits und der Sicherheit und der Souveränität unserer Staaten andererseits“, so Theo Sommer.

Staatsrätin Almut Möller ist überzeugt, dass Globalisierung nach der Corona-Pandemie von hoher Bedeutung ist und bleibt: Wir brauchen eine regelbasierte internationale Ordnung und zur Ausgestaltung dieser ist die Europäische Union wichtiger denn je – denn nur im Staatenverbund können wir unser politisches Gewicht in die Waagschale werfen. Aber auch die Rolle der Städte und die enge Kooperation zwischen den Metropolen dieser Welt ist laut Staatsrätin Möller heute wichtiger denn je.

Dr. Harald Vogelsang, Sprecher des Vorstands der Hamburger Sparkasse und Kuratoriumsmitglied der ZEIT-Stiftung, glaubt, dass die Welt sich durch die Corona-Pandemie nur minimal verändern wird. Gerade auch die Globalisierung wird sich nicht zurückdrehen lassen. Umso wichtiger ist es in seinen Augen, dass supranationale Einrichtungen in ihrer Bedeutung gestärkt werden und Unterstützung erfahren: „Wir brauchen überzeugte und überzeugende Demokraten, die auch über ihre Nationen hinausdenken.“

Prof. Dres. h.c. Manfred Lahnstein, Bundesminister a.D. und Kuratoriumsmitglied der ZEIT-Stiftung, davon überzeugt, dass sich die Herausforderungen unserer Zeit nur global lösen lassen. Um dies zu ermöglichen wird eine politische Führung benötigt, die sich den Herausforderungen stellt und bereit ist, Souveränität abzugeben. „Auf niemanden kommt es so sehr an, wie auf uns: Wir müssen zur kooperativen Führung und zur Stärkung der Brüsseler Institutionen bereit sein – auch, wenn das materielle Großzügigkeit erfordert und Souveränität kostet“, so Lahnstein.

Dr. Shashi Tharoor, Mitglied des indischen Parlamentes und Dean des Asian Forum on Global Governance, spricht darüber, dass die Welt derzeit mit massiven Erschütterungen konfrontiert ist: „Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die geopolitischen Veränderungen, die wir derzeit beobachten, bleiben werden.“

Für Dr. Jana Puglierin vom European Council on Foreign Relations der Europäischen Union zeigt sich in der Krise, dass die Europäische Union nach außen nur dann handlungsfähig ist, wenn nach innen Zusammenhalt besteht: „Europäische Solidarität und europäische Souveränität sind zwei Seiten derselben Medaille.“

Thomas de Maiziere, ehemaliger Bundesinnenminister und Mitglied des Kuratoriums der ZEIT-Stiftung, hebt hervor, wie sehr wir die Globalisierung bei den großen Themen der Menschheit brauchen: „Die Globalisierung ist Teil der Lösung. Wir werden die Impfstoffe, die wir brauchen nicht bekommen, wenn sich nicht die besten Forscher der Welt zusammentun.“

Karen Donfried, Präsidentin des German Marschall Funds, spricht über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die bevorstehenden Wahlen in den USA: „Wenn Donald Trump wiedergewählt wird, weil die Amerikaner ihn als guten Krisenmanager in dieser Zeit wahrgenommen haben, dann wird es in der zweiten Amtsperiode eine Verstärkung der „America First“ Politik geben.“

Der Kuratoriumsvorsitzende der ZEIT-Stiftung Prof. Dr. Burkhard Schwenker spricht über Resilienz, also die Fähigkeit Krisen zu bewältigen und sie als Anlass für Entwicklungen zu nutzen: „Resilienz ist wichtiger als Effizienz. Corona hat uns gezeigt, dass ein überzogenes Denken in Effizienz eben nicht dazu geführt hat, dass unsere Unternehmen widerstandsfähig sind.“

Eberhard Sandschneider, Professor für die Politik Chinas und Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin und seit 2014 Dean der Bucerius Summer School on Global Governance der ZEIT-Stiftung, sieht schwere Zeiten für die Globalisierung auf uns zukommen. In seinem Videobeitrag sagt er: „Das Auseinanderziehen von Verflechtungsstrukturen zwischen den großen Ökonomien der Welt, zwischen den USA und China, wird beschleunigt weitergehen.“

Sascha Suhrke, Bereichsleiter Politik und Gesellschaft, führt in einem kurzen Video in die Thematik ein. Über die kommenden Wochen werden Gremienmitglieder der ZEIT-Stiftung sowie Referentinnen und Referenten unserer Global Governance Programme hier Analysen geben, Position beziehen und zur Diskussion anregen.