Seit der Corona-Krise und dem damit verbundenem Home-Office arbeite ich überraschenderweise disziplinierter als bisher. Anfangs war ich skeptisch, da ich in der Regel zu Hause nicht allzu produktiv bin - es gibt ja auch viele Ablenkungen: 

Zum Beispiel könnte man den WG-Putzdienst vorzeitig erledigen, das eigene Zimmer sollte man bei der Gelegenheit natürlich auch gleich aufräumen und ein leckeres Mittagessen muss durch die vorübergehende Schließung der Mensa ja erst einmal gekocht werden. Und natürlich ist bei all dem die Couch auch stets in verführerischer Nähe... 

Nach einer anfänglichen Eingewöhnungsphase habe ich mir jedoch eine (mehr oder weniger) streng eingehaltene Routine angewöhnt. Der Tag beginnt viel früher als sonst mit Yoga, um die fehlende Bewegung des Arbeitswegs zu kompensieren; die festen Arbeits- und Pausenzeiten werden strenger eingehalten als noch in Zeiten vor der Krise üblich und Orte in der WG sind nun für klar festgelegte Tätigkeiten vorgesehen: gearbeitet wird am Wohnzimmertisch, man isst in der Küche und die Couch ist ausschließlich ab Feierabend zu genießen.

Natürlich macht es das Ganze einfacher, dass mein Mitbewohner in den letzten Zügen seiner Dissertation steckt und ebenfalls eine ähnlich strikte Routine verfolgt. Geteiltes Leid ist somit einmal mehr auch halbes Leid.

Beobachtung: der Kaffeekonsum ist gestiegen - die kürzere Distanz zur Kaffeemaschine wird als erklärende Variable vermutet.
Klarer Nachteil im Home-Office: unzureichende Ausstattung an freien Bücherregalen und ergonomischem Büromobiliar.
Klarer Vorteil: Die eingesparte Zeit des kürzeren Arbeitswegs lässt sich nun viel besser nachmittags im Garten nutzen.

Ein Tipp meinerseits: um den mangelnden Ortswechsel zwischen Arbeitsplatz und Wohnraum zu kompensieren, ist eine räumliche Einteilung für festgelegte Tätigkeiten in den eigenen vier Wänden hilfreich. Auch kann der bewusste Wechsel von Arbeits- in Freizeitkleidung bei einer klaren Abgrenzung von Arbeit und Freizeit helfen.


Koray Saglam promoviert an der Eberhard Karls Universität Tübingen in der Research Group for Middle East and Comparative Politics am Institute of Political Science mit einem Stipendium aus dem Programm Trajectories of Change der ZEIT-Stiftung.