Unglaublicher Zeitsprung: Fast zwanzig Jahre sind inzwischen vergangen, seit ich mit einer Performance, für die ich in Text & Regie verantwortlich zeichnete, Teil des von der ZEIT-Stiftung geförderten Festivals “Die Wüste lebt” an den Hamburger Kammerspielen 2001 war. Das war noch während meines Studiums.

Auch wenn sich die Wege immer wieder gegabelt und verschlungen haben, Orte und Arbeitsverhältnisse gewechselt sowie die Schwerpunkte meiner künstlerischen Tätigkeit sich von Schauspielregie in Richtung partizipative Performative und Stadtraumintervention verschoben haben, bin ich dem Theater wie der Textarbeit bis heute treu geblieben: Seit 2007 als »solo-selbständiger« Theater(mit)macher, Autor und Dramaturg in Hessen und deutschlandweit unterwegs. Und zwar so: Steffen inszeniert, Lars schreibt, Steffen Lars macht praktisch alles Theoretische. Und das & steht wahlweise für sich selbst oder alle anderen Möglichkeiten und Leute.

2015 wurde ich dann zusätzlich Co-Leiter des MADE.Festivals der hessischen freien Szene und durfte zudem auch immer wieder Grundschulkinder dabei unterstützen, sich selbst via Theater und Text auszudrücken. Was mir besonders viel Freude bereitet – nicht zuletzt, weil ich inzwischen selbst Vater zweier Kinder bin.

Für unser Festival, das diesen Mai/Juni 2020 in vier Städten stattfinden sollte, waren soeben die zentralen Organisationsarbeiten abgeschlossen, Plakate und Broschüren kamen frisch aus dem Druck, als Corona komplett dazwischengrätschte wie ein böser deus ex machina. Alle Arbeit und Papier gingen meistenteils direkt in die Ablage P. Viel musste umorganisiert, Online-Ersatz produziert und Neues angeschoben werden, um Vorstellungs- und Gagenausfälle aufzufangen oder den Corona-Auflagen zu entsprechen. Die theatrale Quasi-Zwangspause nutzte mein Autoren-Ich für ein öffentliches, literarisches Corona-Tagebuch. Dazu noch natürlich neue, steile Lernkurven in Home-Office, Home-Schooling und Home-Kitaing. (Auf dem Foto seht ihr mich an meinem Home-Office-Arbeitsplatz im Wohnzimmer – am ersten Tag seit drei Monaten ohne tobende Jungs im Hintergrund … entschleunigt war die Zeit bei uns also nicht!)

Die spannende Frage wird jetzt sein, wie unsere Gesellschaft weitermachen wird. Sich in »neuer Normalität« irgendwie weiter so durch die Zeitläufte wursteln? Oder die offenen Wunden endlich verarzten? Werden die Rechtspopulisten sich ein Comeback herbeischimpfen? Oder wird just diese Zeit des social distancing (das besser physical distancing heißen müsste) langfristig zu einem sozialen Fortschritt führen, der mit dem technischen zumindest gleichzieht?

Es gibt viel zu tun. Gerade heute habe ich in Naomi Kleins Buch Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima den schönen Satz gelesen: »Die Geschichte hat an Ihre Tür geklopft, haben Sie geöffnet?«


Steffen Lars Popp ist freier Theatermacher, Autor und Dramaturg. Er ist Alumnus aus der Förderung des Theaterfestivals "Die Wüste lebt" an den Hamburger Kammerspielen (2001).