"Besuche in der alten Heimat"

Besuche in der alten Heimat

Ein wichtiger Beitrag zum deutsch-jüdischen Nachkriegsverhältnis: Publikation über Einladungsprogramme für ehemals Verfolgte des Nationalsozialismus
Mit ihrer Dissertation „Besuche in der alten Heimat. Einladungsprogramme für ehemals Verfolgte des Nationalsozialismus in München, Frankfurt am Main und Berlin“ gibt Lina Nikou einen historischen Überblick über die Geschichte der Einladungsprogramme in der Bundesrepublik. Sie untersucht diese Programme ab den 1960er Jahren bis in die Gegenwart und vergleicht sie exemplarisch. Der Fokus liegt dabei auf den Interaktionen zwischen den Vertreter*innen der Städte und ihren einst verfolgten Bürger*innen im Ausland: Adressaten der Einladungen waren überwiegend jüdisch Verfolgte, die in die USA oder nach Israel emigrierten. Einzelne von ihnen haben sogar einen entscheidenden Impuls zur Initiierung der Programme ausgelöst. Die Programme sind auch erfolgreich, weil für viele einst Verfolgte persönliche Erinnerungsreisen wichtig sind, auch wenn sie mit ambivalenten und schwierigen Gefühlen verbunden sind.

Die Autorin untersucht lokale Erinnerungskulturen als Beziehungsgeschichten und damit wird der Einfluss aller Akteur*innen auf erinnerungskulturelle Prozesse in Deutschland sowohl auf lokaler als auch nationaler Ebene erkennbar (vgl. S. 436). Sie analysiert am Beispiel dreier Großstädte, was diese bewog, Einladungen auszusprechen und aus welchen Gründen die Emigrierten die Einladungen annahmen. Welche Aspekte der Vergangenheit und der Gegenwart wurden thematisiert und welche ausgespart? Welche Gefühle kamen zur Sprache und welche Wirkung hatten sie? Wie standen moralische Überlegungen, Vergebung und Verantwortung aber auch Wiedergutmachungsbestrebungen damit in Beziehung?

Die Zahl der Einladungsberechtigten wird ungefähr auf 500.000 deutschsprachige Personen geschätzt und dabei sind diejenigen noch nicht mitgezählt, die innerhalb des Deutschen Reiches überlebten. So unterschiedlich die Motive auf beiden Seiten waren, gemeinsam ist allen Reisen von Emigrierten nach Deutschland, dass sie auch touristische Aspekte aufweisen: Die Städte verstanden sie als Werbung für den Tourismus. Die Studie leistet auch einen nicht unerheblichen Beitrag zur Tourismusforschung.

Quellen bilden insbesondere Verwaltungsakten aus den Stadtarchiven sowie aus der Registratur der Berliner Senatskanzlei und Interviews der Autorin mit den Organisatoren der Programme  und Eingeladenen. Die Publikation stützt sich vor allem auf Korrespondenzen und damit auf den überwiegenden Teil des Kontaktes zwischen den Städten und den Emigrierten. Die Reisen in die „alte Heimat“ waren in der Regel einmalig und dauerten lediglich ein bis zwei Wochen. Die Teilnehmer und Beobachter dieser Begegnungen hielten die Zusammentreffen in Briefen, Gedichten, Erinnerungstexten, Zeitungsartikeln und Fotografien fest.

„Rückblickend müssen die Einladungsprogramme (...) als gemeinsames Projekt von Personen in Deutschland und einst Verfolgten im Ausland bewertet werden. Dazu gehört, die Emigrantengemeinschaft beziehungsweise Individuen aus dieser Gemeinschaft als Akteur*innen ernst zu nehmen“, so schlussfolgert Lina Nikou auf Seite 436 ihrer Publikation.

Die Autorin zieht ebenfalls den Vergleich zu einer Studie über das Hamburger Besuchsprogramm, die sie mit ihrer Magisterarbeit veröffentlicht hat: In der Hansestadt beobachtet sie ähnliche Entwicklungen wie in Frankfurt am Main. Hamburg begann jedoch erst 1981 – ein Jahr später als Frankfurt – mit den Gruppeneinladungen und übernimmt damit keine Vorreiterrolle, sondern folgte dem Beispiel anderer Städte.

Lina Nikou forscht und lehrt seit Oktober 2017 an der Martin Buber Society of Fellows an der Hebräischen Universität in Jerusalem, u.a. zu Erinnerungskulturen, jüdischer Geschichte, Oral History und Heritage Tourism. Ihre Dissertation verfasste sie als Gerd Bucerius-Stipendiatin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte der Universität Hamburg.