Chancengerechtigkeit bewahren – Mit Mentoring durch die Corona-Pandemie

Im Hamburger Abendblatt hat Michael Göring, Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung, auf die Situation von Schüler:innen aufmerksam gemacht, die durch die Corona-Pandemie den Anschluss verlieren. Michael Göring plädiert dafür jetzt deutschlandweit Mentor:innen-Programme zu entwickeln, die umgesetzt werden können, sobald ein geregeltes Treffen zwischen Mentoren und Mentees wieder möglich ist. In seinen Gastbeitrag „Mentoren für unsere Schulkinder“ erklärt er, wie das funktionieren könnte:

Gastbeitrag Michael Göring, erschienen am 28. Januar 2021 im Hamburger Abendblatt: 

Wenn es um die Auswirkungen der Corona-Lockdowns geht, sind sich alle Erzieher, Lehrer, Pädagogen einig: lernschwächere Schülerinnen und Schüler, die aus dem Hybrid- oder Fernunterricht wenig mitnehmen und die zu Hause unzureichend motiviert und unterstützt werden, fallen immer  weiter zurück. Das ist für die betroffenen Kinder eine Katastrophe und für unsere Gesellschaft Gefahr und Schande zugleich. Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, eine große Zahl junger Menschen der jetzigen Schülergeneration zu verlieren. Was ist zu tun? 

Nicht ganz zu Unrecht wird den Bildungspolitikern aller Bundesländer vorgeworfen, sie hätten die Sommerferien 2020 nicht genutzt, um die Schulen auf einen möglichen zweiten Lockdown vorzubereiten. Da sollten alle, die sich mit Bildungsfragen beschäftigen, jetzt die Gelegenheit nutzen, um die Zeit nach dem aktuellen Lockdown in den Blick zu nehmen. Dabei kann es nicht nur um die Ertüchtigung schlecht programmierter Digital-Plattformen gehen, die in den letzten Wochen so vielfach versagt haben. Da brauchen wir eine größere Anstrengung über das Digitale hinaus.

Schülerinnen und Schüler, die jetzt in ihrer Lernmotivation und ihrer Leistungsfähigkeit abgesunken sind, brauchen unmittelbar nach dem Lockdown persönliche Helferinnen und Helfer, brauchen Mentoren. Einige deutsche Stiftungen wie die ZEIT-Stiftung in Hamburg oder die Roland Berger Stiftung in München haben in den letzten Jahren äußerst wirksame Mentorenprogramme errichtet, die als Modelle genutzt und ausgeweitet werden können. Beim Mentoringprogramm WEICHENSTELLUNG der ZEIT-Stiftung betreut eine Studentin/ein Student als Mentor jeweils drei Kinder einer Klasse, die besonderen Bedarf haben. Die Mentoren – in Hamburg sind derzeit rund 170 aktiv, die 500 Kinder betreuen – stützen die Kinder nicht nur mit Nachhilfe, sondern mit Vertrauen, mit Freundschaft, mit Motivation. Die Mentoren selbst werden ihrerseits an der Hochschule von Pädagogen und an den jeweiligen Schulen von erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern „gecoacht“. Wäre es nicht denkbar, dass nach dem Lockdown in den Sommerferien, sofern die Infektionszahlen dies erlauben, und in den anschließenden Monaten zumindest bis Jahresende derartige Mentorenprogramme die geschwächten Schulkinder wieder auffangen? Wahrscheinlich ließen sich zusätzlich zu den Studierenden auch jüngst pensionierte Lehrerinnen und Lehrer finden, die an zwei oder drei Nachmittagen an „ihre“ Schulen zurückkehren, um sich dort in den „Lernferien“ und danach den drei bis fünf Schwächsten einer Klasse zuzuwenden. Natürlich müsste dieser Einsatz honoriert werden, wie auch die Studierenden im Mentoringprogramm WEICHENSTELLUNG der ZEIT-Stiftung ein Stundenhonorar erhalten. Alle, die sich für so ein Mentorenprogramm zur Verfügung stellen, würden sich um unsere Gesellschaft nachhaltig verdient machen. 

Ein derartiges landesweites Mentorenprogramm zu planen und zu organisieren, ist keine kleine Aufgabe. Sie müsste daher jetzt begonnen werden, damit ab dem hoffentlich weitgehend Corona-befreiten Juni/Juli die Mentoren bereitstehen. Hamburg könnte hier Vorreiter sein. 

Prof. Dr. Michael Göring leitet die ZEIT-Stiftung in Hamburg.