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„Es gab keine Staatsbürgerschaften für Kinder wie mich."

Die Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoğuz hielt am 19. Juni die Bucerius Lecture an der Universität Haifa in Israel.

„Die rechtliche und politische Gleichstellung ist einer der Schlüsselfaktoren für den Erfolg der Beziehungen zwischen Bevölkerungsgruppen in einer vielfältigen Gesellschaft“, sagte Aydan Özoğuz, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, in ihrer Bucerius Lecture am 19. Juni an der Universität Haifa. Auf Einladung des Bucerius Institute for Research of Contemporary German History and Society und des Deutschen Fördererkreises der Universität thematisierte sie die Einwanderungs- und Integrationspolitik in Deutschland.

Sie zeichnete nach, wie langsam sich das Selbstbild der deutschen Gesellschaft hin zu einer Einwanderungsgesellschaft entwickelte. Ein Prozess, den sie auch aus persönlicher Perspektive mitverfolgt hat: Die Tochter türkischer Einwander:innen wuchs in Hamburg auf und nannte sich früher selbst eine „Hamburger Türkin“. Der Grund: „Es gab keine deutschen Staatsbürgerschaften für Kinder wie mich.“ Mit 22 beantragte sie eine Einbürgerung, musste aber erst ihre türkische Staatsbürgerschaft abgeben, bevor sie wieder einen türkischen Pass beantragen durfte.

Die Bundesrepublik trage bis heute einen Konflikt um erwünschte Zuwanderung aus

Ein Meilenstein sei in dieser Hinsicht die Reform der Staatsbürgerschaft im Jahr 2000 gewesen. Diese ermöglichte es den Kindern von Immigrant:innen, durch die Geburt im Land Deutsche zu werden, erschwerte jedoch die Einbürgerung älterer Einwanderer:innen. „Das symbolisiert für mich den inneren Konflikt eines Landes, das versucht, sich der Tatsache zu stellen, dass Zuwanderung in vielen Bereichen erwünscht ist.“ In ihrem weiteren Vortrag würdigte Özoguz das Wirken des Hamburger Förderkreises der Universität Haifa.

Die studierte Anglistin hielt als erste Muslima die Bucerius Lecture an der drittgrößten Universität Israels, die als liberalste des Landes gilt. Die Uni, auf deren Campus Jüdinnen und Juden sowie arabischstämmige Israelis Seite an Seite studieren, hat eine enge Verbindung nach Hamburg: In der Hansestadt wurde vor 50 Jahren der Deutsche Fördererkreis der Universität Haifa gegründet, der in Kooperation mit der Uni den Austausch deutscher und israelischer Studierender und Wissenschaftler:innen fördert.

Dessen Vorsitzende Sonja Lahnstein zeigte sich gegenüber dem Hamburger Abendblatt beeindruckt von der Vorlesung der früheren Staatsministerin für Integration Özoğuz: „Wir fanden, dass es eine sehr berührende Rede war, und besonders für unsere jüdischen und arabischen/muslimischen Stipendiaten war es sehr interessant und motivierend.“ Und die Bundestagsvizepräsidentin beendete ihren Vortrag optimistisch: „Es gibt einige hoffnungsvolle Entwicklungen in Politik und Gesellschaft, und wir sollten dafür sorgen, dass sie weiter gedeihen.“

Das Bucerius Institute an der Universität Haifa wurde im Jahr 2001 von der ZEIT-Stiftung gegründet. Seitdem widmet es sich der Erforschung der zeitgenössischen deutschen Geschichte und Gesellschaft. Die Bucerius Lecture findet regelmäßig am Bucerius Institute in Haifa und – in Kooperation mit der Jerusalem Foundation bzw. der Konrad-Adenauer-Stiftung – in Jerusalem statt.