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Kaum jemand hat das Verhältnis von Stadt und Land so intensiv untersucht wie Prof. Dr. Stefan Siedentop von der TU Dortmund.

Kaum jemand hat das Verhältnis von Stadt und Land so intensiv untersucht wie Prof. Dr. Stefan Siedentop von der TU Dortmund. Ein Gespräch über große Entwicklungslinien, konstruierte Narrative und warum Online-Schooling Teil einer Lösung sein kann.

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„Große Linien“: In einer Metastudie zum Stadt- Land-Verhältnis untersuchte Prof. Dr. Stefan Siedentop 200 Quellen aus den vergangenen 20 Jahren.

Herr Professor Siedentop, Sie haben für eine Metastudie der ZEIT-Stiftung 200 Quellen aus den vergangenen 20 Jahren über das Stadt-Land-Verhältnis ausgewertet. Lassen sich große Entwicklungslinien erkennen?
Stefan Siedentop: Definitiv. In den 1990er und 2000er-Jahren hat sich die Politik eher wachstumspolitischen Aufgaben zugewandt, weniger der Ausgleichspolitik. Es gab eine sehr starke politische und gesellschaftliche Strömung, dass ein vermeintlich „überforderter“ Staat für viele öffentliche Aufgaben nicht mehr aufkommen könne. Die Privatisierungswellen haben deutliche Spuren im ländlichen Raum hinterlassen, etwa mit Blick auf den Rückbau öffentlicher Dienstleistungen oder die Stilllegung von Bahnstrecken. Mit der Finanzkrise Anfang der 2010er-Jahre hat sich die Diskussion dann langsam gedreht. Das politische Interesse an den Themen von Stadt und Land sowie territorialer Ungleichheit ist seitdem deutlich gestiegen.

Warum?
Siedentop: Das hat auch mit dem aufkommenden Rechtspopulismus zu tun, den wir in vielen Staaten der westlichen Welt beobachten. Debatten über sogenannte abgehängte Regionen haben zu einer politischen Neubewertung und zu einer Stimmungsveränderung beigetragen, so dass aktuell ausgleichspolitische Ziele wieder deutlich stärker akzentuiert werden. Man hat erkannt, dass das Gefühl vieler Menschen, mit den spezifischen Belangen des ländlichen Raumes nicht mehr angemessenes politisches Gehör zu finden, von Rechtspopulisten instrumentalisiert wird. Die Politik sah sich gefordert, nach neuen Ansätzen zu suchen, um Ungleichheiten zu reduzieren.

Wie hat sich diese Ungleichheit über die Jahre entwickelt?
Siedentop: Deutschland weist gravierende raumstrukturelle Disparitäten auf, die sich seit der Jahrtausendwende allerdings nicht weiter verstärkt haben. Zugleich lässt sich feststellen, dass Stadt-Land-Gegensätze hierzulande deutlich weniger ausgeprägt sind als etwa in Frankreich oder im südeuropäischen Raum. Entsprechend vorsichtig sollte Narrativen des Abgehängt-Seins begegnet werden. Den gesellschaftlichen Realitäten entspricht dies nicht wirklich. Sicherlich gibt es in Deutschland ländliche Räume mit Strukturproblemen, aber das sind häufig sehr spezifische regionale Lagen. Wenn Deutschland insgesamt betrachtet wird, lässt sich gewiss nicht von einem strukturellen Gefälle der Teilhabechancen und Lebensqualität zwischen Stadt und Land sprechen, womit ich das Problem nicht relativieren will. Es gilt aber in jedem Fall aufzupassen, nicht in die Falle von Rechtspopulisten zu tappen, die sich solche Zuspitzungen zu eigen machen.

Abgesehen von der Stadt- Land-Ungleichheit – wo verlaufen sonst noch Brüche?
Siedentop: Disparitäten existieren auch innerhalb der ländlichen und innerhalb der urban geprägten Räume. Neben starken Metropolen gibt es Städte, die sehr ernsthaft mit ihrem alt-industrialisierten Erbe und mit Armutslasten konfrontiert sind, etwa im Ruhrgebiet. Diese Disparitäten sind mindestens ebenso ausgeprägt wie jene zwischen Stadt und Land. Auch dieses Problem muss man angehen.

Nicht wenige glauben, dass Disparitäten durch die Digitalisierung verringert werden könnten.
Siedentop: Digitalisierung ist so etwas wie ein Hoffnungsnarrativ für den ländlichen Raum, insbesondere für dünn besiedelte, periphere Räume, wo der Ausbau der digitalen Infrastruktur immer noch eher schleppend verläuft. Die Erwartung ist, dass sich die Qualitäten des Landlebens – Naturbezug, weniger Verdichtung, qualitätsvolles Wohnen – mit urbanen Annehmlichkeiten verbinden lassen, also mit Zugang zu höherer Bildung, zu wissensintensiver Beschäftigung oder auch zu gemeinschaftlichen Formen des Arbeitens in Coworking Spaces. Das sind Qualitäten, die bisher vor allem mit urbanen Räumen assoziiert wurden, die jetzt aber – unterstützt durch digitale Informations- und Kommunikationstechnologien – auch im ländlichen Raum erfahrbar werden. Das sind zwar noch zarte Pflänzchen, aber es lässt sich doch ein gewisser Trend ausmachen.

Das Land wird zum Experimentierraum?
Siedentop: Ja, auf jeden Fall. Gerade jüngere Menschen scheinen vermehrt andersartige Perspektiven auf den ländlichen Raum einzunehmen, vielleicht auch im Sinne von Pioniertum mit experimentellen Lebens- und Wohnformen. Das ist eine hochspannende Entwicklung, die durchaus das Potenzial hat, Wahrnehmungen, Stimmungen und raumbezogene Identitäten längerfristig zu verändern. Möglicherweise setzt hier gerade eine sich selbst tragende Entwicklung ein, die nicht Ausdruck von staatlicher Politik ist, sondern die eine eigene kulturelle und soziale Basis hat. Zivilgesellschaftliches Handeln spielt hier eine ganz entscheidende Rolle.

Entzieht sich der Staat nicht seiner Verantwortung, wenn er der Zivilgesellschaft aufbürdet, für einen lebenswerten ländlichen Raum zu sorgen?
Siedentop: Natürlich kann Zivilgesellschaft nicht alleine eine Trendwende herbeiführen und beispielsweise die Lücken füllen, die der staatlich-kommunale Rückzug aus einigen Bereichen der Daseinsvorsorge hinterlassen hat. Die Bereitstellung elementarer Infrastrukturleistungen bleibt eine hoheitliche Aufgabe, da kann sich der Staat nicht aus der Verantwortung ziehen. Aber gebraucht wird eine neue Balance aus staatlichen Leistungen, engagiertem kommunalen Handeln und zivilgesellschaftlichem Engagement.

Brauchen wir auch eine neue Form der Kooperation zwischen Stadt und Land?
Siedentop: Es gab in den 2000er- und 2010er-Jahren erste Versuche, Stadt-Land-Partnerschaften zu etablieren, um einen Interessenausgleich von Stadt und Land herzustellen. Die durchgeführten Modellprojekte waren aber nicht sonderlich erfolgreich, es kam nicht zu einer dauerhaften Institutionalisierung von Stadt-Land- Kooperationen. Ein positives Beispiel lässt sich mit den Agglomerations-Programmen in der Schweiz finden. Die Idee ist so einfach wie bestechend: Der Schweizer Bund stellt Regionen nur dann Infrastruktur-Mittel zur Verfügung, etwa für den Ausbau einer S-Bahn, wenn sich städtische und ländliche Gebietskörperschaften auf ein gemeinsam getragenes integriertes Siedlungs- und Infrastruktur-Programm verständigt haben. In der Region Köln-Bonn hat man die Grundidee mit der Erstellung eines informellen Agglomerationskonzeptes aufgegriffen. Aus meiner Sicht ist das dann erfolgreich, wenn ein regionaler Konsens über gemeinsame Projekte in einem partnerschaftlichen Stadt-Land-Verbund erzielt wird.

Ein Vorbild für Gesamtdeutschland?
Siedentop: Ich glaube, wenn der Staat zukünftig verstärkt solche Projekte fördern würde, die regional abgestimmt sind zwischen Großstädten und ihrem näheren und weiteren Umland, wäre viel erreicht. Nur auf diese Weise kann die unselige interkommunale und interregionale Konkurrenz und das immer noch verbreitete Gegeneinander statt Miteinander überwunden werden. Kollektiv erreicht man viel mehr.

Dazu braucht es eine andere Haltung.
Siedentop: Definitiv. In der Region Köln-Bonn war Vertrauensbildung ein wichtiger erster Schritt. Viele interkommunale Verbünde sind in der Vergangenheit gescheitert, weil Misstrauen dominierte und Angst vor Trittbrettfahrern und verdeckten Agenden der Nachbarkommunen vorherrschte. Durch Vertrauensbildung wurde in der Region Köln-Bonn vieles erreicht, was vorher kaum denkbar war. Wir sind bei der interkommunalen Kooperation aber noch längst nicht da, wo wir eigentlich stehen müssten. Dabei ist das aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Instrument, auch ländliche Räume zu stärken. Ohne Kooperation, ohne Bündelung der Kräfte, ist es völlig aussichtslos, wichtige Aufgaben wie die Anpassung an den Klimawandel, die Transformation der Energiesysteme oder den Umbau der regionalen Verkehrsinfrastruktur auf den Weg zu bringen. Dafür verfügen viele Kommunen im ländlichen Raum nicht über die erforderlichen Verwaltungskapazitäten. Hier muss der Staat durch kluge Förderung mehr Anreize setzen für Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinaus.

Wie beurteilen Sie die derzeitigen politischen Bemühungen, die Stadt-Land-Disparität weiter abzubauen?
Siedentop: Ich sehe zumindest Ansätze in die richtige Richtung. Es gibt derzeit klare politische Signale, dass man für strukturschwache ländliche Räume einstehen und die bestehenden Förderprogramme besser koordinieren und vernetzen will, denn bisher sind diese extrem fragmentiert und wirken nicht konzertiert. Die Notwendigkeit, darin besser zu werden, hat der Bund erkannt. Genauso wird mehr und mehr verstanden, dass die Menschen an der Entwicklung ihrer Region und Gemeinde teilhaben wollen. Hier geht es um nichts Geringeres als Selbstwirksamkeitserfahrungen, was auch ein Beitrag zur Stärkung der Demokratie wäre.

Was fehlt, ist allerdings noch ein gemeinsames Verständnis von gleichwertigen Lebensverhältnissen.
Siedentop: Das ist in der Tat ein Problem. Es gab in der Raumordnungspolitik immer wieder Diskussionen über Mindeststandards. Etwa zu der Frage, wie lange ein Schulkind im ländlichen Raum auf dem Weg zur Grundschule unterwegs sein darf. Was ist da noch zumutbar? Die Politik hat sich dieser Diskussion immer wieder entzogen, auch weil sie Angst vor einklagbaren Forderungen hat. Das ist ein Dilemma. Wir haben zwar ein sehr offenes Verständnis davon, was gleichwertige Lebensverhältnisse sein können, was noch zumutbare und nicht mehr zumutbare Infrastruktur-Versorgungsniveaus anbetrifft. Gleichzeitig aber auch eine Skepsis von Politik und Verwaltung, hier für mehr Verbindlichkeit zu sorgen.

Was muss passieren, um trotzdem zu einem Konsens zu kommen?
Siedentop: Ich fände eine breite gesellschaftliche Debatte über Mindeststandards hilfreich. Die Bürgerinnen und Bürger verstehen durchaus, dass nicht überall ein Bus fahren kann und Grundschulen in fußläufiger Entfernung vorgehalten werden. Vielleicht denken wir also über kluge digitale Lösungen wie etwa eine Kombination von Präsenzunterricht und Online-Schooling nach. Wege zur fachärztlichen Versorgung lassen sich mit telemedizinischen Angeboten teilweise vermeiden. Hier wünsche ich mir mehr Regellösungen als nur Modellprojekte. Dafür braucht es auch politischen Willen und Mut.


DIE FRAGEN STELLTE THOMAS FRIEMEL

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