Vom persönlichen Glück, fördern zu dürfen

Als Vorsitzender des Vorstands hat Michael Göring viele bedeutende Projekte initiiert und angeleitet. In diesem Text blickt er zurück.

Für eine Stiftung zu arbeiten, die wie die ZEIT-Stiftung Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie das Bildungswesen in ihren Satzungszielen verankert hat, bedeutet in erster Linie, Menschen zu fördern, ihnen Chancen zu bieten, die sie sonst nicht hätten, ihnen Impulse zu vermitteln oder auch sie in Notlagen zu unterstützen. Ich kam im Herbst 1992 als junger Mitarbeiter der Studienstiftung des deutschen Volkes in Bonn das erste Mal mit der ZEIT-Stiftung in Berührung, als Gerd Bucerius und seine Partnerin Hilde von Lang dort anfragten: Ihr Wunsch war es, in der Studienstiftung ein Programm für Jurastudentinnen und -studenten zu errichten, die unmittelbar nach ihrem Staatsexamen ihr Jurawissen im Ausland vertiefen oder um Kenntnisse aus verwandten Wissenschaftsgebieten ergänzen sollten.

Aus den damaligen Überlegungen entstand – finanziell gefördert von der ZEIT-Stiftung – 1994 das Bucerius-Jura-Programm. 185 Studierende der Rechtswissenschaften haben das Programm seitdem absolviert, zwei davon sind heute Professoren an der Bucerius Law School. Ob für Gerd Bucerius die Freude ausschlaggebend war, die er bei sich als Stifter und bei den Geförderten antizipieren konnte? 1971 hatte er die ZEIT-Stiftung gegründet und ihr die Marke DIE ZEIT übertragen, um so die Wochenzeitung zu schützen. Bis zu seinem Tod 1995 hat Gerd Bucerius über seine Stiftung 90 Projekte gefördert, darunter den Aufbau der Privaten Hochschule Witten/Herdecke und den Kauf und Umbau des Hauses am Schwanenwik als Literaturhaus für Hamburg.

Gerade das frühe Engagement für die Private Hochschule Witten/Herdecke als Modell für neue Wege in der Hochschulförderung hat mir schon damals besonders imponiert. Es gewann leitmotivische Funktion für die zweite Phase der ZEIT-Stiftung, die nach dem Tod von Gerd Bucerius mit der Übertragung seines persönlichen Vermögens auf die Stiftung begann. Nun war die ZEITStiftung plötzlich eine der größten im Land. 1997 – mittlerweile war auch Ebelin Bucerius verstorben – konnte die Stiftung mit dem Aufbau eines professionellen Managements beginnen. Ich hatte das große Glück, für diese Aufgabe 1996 zum Stiftungsvorstand bestellt zu werden.

1999 folgte die Entscheidung für die Bucerius Law School als Stiftungshochschule. Das Modell von Witten/Herdecke und das der WHU in Koblenz standen Pate; deren Geschäftsführer gewährten mir Einsicht in die Bücher. Das Risiko war nicht gering, aber das Kuratorium unter dem Vorsitz von Manfred Lahnstein war bereit, es zu tragen. Jedes Mal, wenn ich die Absolventinnen und Absolventen der Law School treffe und sie mir von ihren beruflichen Aufgaben oder Zielen erzählen, weiß ich von dem oben bereits erwähnten Glück.

Auch die zweite große Entscheidung des Kuratoriums hatte ihre Analogie im stifterischen Wirken von Gerd Bucerius: Wie das Literaturhaus ist das Bucerius Kunst Forum bewusst als Forum konzipiert, als Ort des Austauschs über Kunst und Kultur, über Gesellschaft und Individuum, über Tradition und Zukunft. Wir hatten auch hier Glück: Die Erwartungen werden Woche für Woche neu erfüllt, es sei denn, Covid-19 zwingt in den Lockdown.

Michael Göring:
„Institutionell zu denken, war für eine gemeinnützige Stiftung in den 1990er
und 2000er Jahren eher ungewöhnlich.“

Institutionell zu denken, war für eine gemeinnützige Stiftung in den 1990er und 2000er Jahren eher ungewöhnlich. Noch stand das Diktum, eine Stiftung solle in erster Linie anstiften, im Mittelpunkt. Doch schon Roman Herzogs Definition der Stiftung als „Motor des Wandels“ stellte die Frage nach der Nachhaltigkeit stifterischen Wirkens. Ich bin sicher, dass unsere auf Dauer angelegten Stiftungs-„Töchter“ Law School und Kunst Forum die Forderung nach nachhaltiger Wirkung besonders gut erfüllen.

Nicht immer müssen derartige Einrichtungen in Stein gemeißelt sein. Die Bucerius Summer School on Global Governance hat kein eigenes Gebäude, existiert aber seit dem Jahr 2001, unterbrochen nur in den beiden Covid-19-Sommern, und hat mit ihren Partnereinrichtungen und über 1650 Alumni der Governance- Programme längst institutionellen Charakter. Ein derartig langer Atem verpflichtet die Stiftung, fokussiert aber auch ihre Tätigkeit auf bestimmte Schwerpunkte und gibt ihr damit ein deutlicheres Profil.

Das hat in der Bildungsförderung dazu geführt, dass wir uns seit nunmehr acht Jahren auf Mentoring-Programme konzentrieren, also auf außerschulische Fördermaßnahmen, jedoch in enger Verbindung mit den Schulen und Hochschulen. Wer einmal selbst erlebt hat, wie selbstbewusst ein zwölfjähriger syrischer Junge nach nur einem Jahr in Deutschland und einem halben Jahr als Mentee seine Beherrschung der deutschen Sprache präsentiert, erfährt wieder etwas von dem eingangs beschriebenen Glück, was sich auch im Gesicht seiner 21-jährigen studentischen Mentorin spiegelt.

Als in Hamburg gegründete und ansässige Stiftung machen wir uns das Hamburg-Motto „Tor zur Welt“ zu eigen und sind in mehreren Ländern im Ausland aktiv. Mit besonderem Interesse habe ich stets unsere Fördermaßnahmen in Israel gesehen, hier vor allem an der Universität Haifa. Sie ist eine der wenigen israelischen Hochschulen, die jüdischen und nicht jüdischen Studierenden offenstehen. Seit Jahren vergeben wir dort Stipendien an junge nicht jüdische arabische Frauen. Sie sind oft die Ersten in ihren Dörfern, die den Schritt zum Studium an einer Hochschule wagen. Wenn wir diesen Frauen die Bachelor- oder Masterzeugnisse übergeben, eine Feier, zu der viele schon mit ein oder zwei Kindern erscheinen, und wir sehen den Stolz in ihren Augen, dann wissen wir, dass unsere Stipendien bei diesen Frauen lebenslang Wirkung entfalten werden.

Ich hatte die Chance, 25 Jahre für die ZEIT-Stiftung tätig zu sein, und gebe das Amt des Vorstandsvorsitzenden zum 1. Januar 2022 an Manuel Hartung weiter. In der Literatur zu Stiftungen finden Sie viel über gesellschaftliche Verantwortung, über die Bedeutung der Zivilgesellschaft, die Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums oder die Innovationskraft gemeinnützigen Engagements. Das ist alles richtig, aber es sagt nichts über die tiefgehende Befriedigung und das große Glück aus, das sich mit „Fördern dürfen“ verbindet.

Prof. Dr. Michael Göring ist Vorsitzender des Vorstands der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und war von 2014 bis 2018 Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Er hat Bücher über Stiftungen geschrieben – und fünf Romane.