Mehr Männer an die Grundschulen!

Fast 90 Prozent der Hamburger Grundschullehrkräfte sind weiblich - Schulbehörde und ZEIT-Stiftung starten gemeinsames Modellprojekt, um den „Gender Gap“ an Grundschulen zu verkleinern.

Hamburgs jüngste Schülerinnen und Schüler werden in der Regel von Frauen unterrichtet: An den insgesamt 195 staatlichen Grundschulen der Hansestadt sind aktuell 6.340 Lehrkräfte beschäftigt – nur etwa jeder achte davon ist ein Mann (12,7 Prozent). Den insgesamt 5.536 Lehrerinnen stehen gerade mal 803 Lehrer gegenüber – eine unzeitgemäße Schieflage, die die Schulbehörde jetzt gemeinsam mit der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius Schritt für Schritt ins Gleichgewicht bringen will. Denn Männer sind genauso wichtige Bezugspersonen für Kinder und sollten diese auch in der Schule beim Lernen begleiten. Mit dem gerade gestarteten Modellprojekt „Mehr Männer in Grundschulen“ wollen die Projektpartner junge Männer motivieren, sich für den noch immer „geschlechteruntypischen“ Beruf des Grundschullehrers zu entscheiden. Das auf drei Jahre angelegte Projekt richtet sich an Oberstufenschüler, Studierende und Quereinsteiger.

Bildungssenator Ties Rabe
: „In unseren Hamburger Grundschulen – und das ist in anderen Bundesländern nicht anders – werden Kinder vor allem von Lehrerinnen unterrichtet. Die Kolleginnen machen das sehr gut. Doch Mädchen und Jungen dürfen nicht den Eindruck gewinnen, dass Lernen und Schule nur etwas für Frauen ist. Sie brauchen deshalb auch männliche Vorbilder – im Privaten wie in der Schule! An Grundschulen, in denen neben Lehrerinnen auch Lehrer arbeiten, erleben die Kinder, dass auch Männer sie beim Lernen gut unterstützen können und für viele Dinge aus ihrem Lebensalltag wichtige Gesprächspartner sind. Wir wollen keine Geschlechterstereotype verstärken, sondern die Vielfalt in unserer Gesellschaft auch in der Schule abbilden – und dazu gehören Männer als Grundschullehrer. Über das Engagement der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius bin ich besonders froh. Wir haben hier einen sehr versierten Kooperationspartner an unserer Seite, der das Handlungsfeld Schule gut kennt.“

Prof. Manuel J. Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius: „Wir freuen uns, mit dem Modellprojekt einen Beitrag zu mehr Vielfalt in Grundschulen leisten zu können. Ein divers aufgestelltes Kollegium, das auf die vielen unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder eingehen kann, ist ein wichtiges Puzzlestück zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Mehr Männer in Grundschulen sind ein erster wichtiger Schritt zur angestrebten Vielfalt. Grundschullehrkräfte haben einen sehr anspruchsvollen und schönen Beruf. Mit unserem gemeinsamen Modellprojekt wollen wir zeigen, dass der Beruf des Grundschullehrers vielseitig ist und großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat!“

Ziel des Modellprojekts „Mehr Männer in Grundschulen“ ist, den vorhandenen „Gender Gap“, also den signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern, beim Grundschulpersonal zu verkleinern. Liegt der Männeranteil an Hamburger Grundschulen aktuell schon bei 12,7 Prozent, reduziert sich deren Anteil bei den Referendaren noch einmal um fast die Hälfte: Nur 6,5 Prozent der zum 1. August 2022 neu eingestellten Grundschullehrkräfte im Vorbereitungsdienst (LiV) sind Männer.

Durch eine Reihe von Maßnahmen sollen jetzt Oberstufenschüler, Studenten und Quereinsteiger für den interessanten, abwechslungsreichen und anspruchsvollen Beruf eines Grundschullehrers begeistert werden – der im Übrigen sehr gut bezahlt ist: Ein frisch ausgebildeter Grundschullehrer mit Steuerklasse 1, unverheiratet und kinderlos, beginnt als Beamter mit einem Einstiegsgehalt von 4.360 Euro brutto (A13 Stufe 1). Abzüglich der privaten Krankenversicherung von rund 280 Euro verbleibt bereits dem Berufsanfänger ein ansehnliches Nettogehalt von 3.180 Euro. Mit der Erfahrung steigt auch die Besoldung: In Erfahrungsstufe 4 verdient derselbe (unverheiratete, kinderlose) Mann schon im mittleren Lebensalter 4.830 Euro brutto/3.740 Euro netto.  

Geplante Maßnahmen:
Schülercampus: Bis zu zweimal pro Schuljahr, jeweils an einem Wochenende, organisieren die Projektpartner einen Schülercampus für „Mehr Männer in Grundschulen“. Hier sollen sich interessierte Oberstufenschüler über den abwechslungsreichen und manchmal herausfordernden Arbeitsalltag einer Grundschullehrkraft sowie über das Studium des Grundschullehramts informieren. Die Schüler erhalten die Möglichkeit, sich mit Studierenden und männlichen Grundschullehrkräften in informellen, individuellen Gesprächen über diesen Beruf auszutauschen.

Aufbau einer Kooperationsstruktur: Der Schülercampus soll keine einmalige Veranstaltung bleiben, sondern jungen Männern anschließend die Möglichkeit eröffnen, im Rahmen der schulischen Berufs- und Studienorientierung Praktika und Hospitationen an Grundschulen durchzuführen. Dafür soll eine Kooperationsstruktur zwischen weiterführenden Schulen und Grundschulen aufgebaut werden; idealerweise hat eine Stadtteilschule oder ein Gymnasium eine Partnergrundschule im Stadtteil.

Netzwerk für Grundschullehrer: Ein weiterer wichtiger Baustein des Modellprojekts ist das Netzwerk für Grundschullehrer, in dem sich erfahrene Lehrer mit Neueinsteigern, Studierenden und interessierten Oberstufenschülern über den konkreten Arbeitsalltag austauschen können. Hier geben Referentinnen und Referenten Impulse zu bestimmten pädagogischen Themen oder zur professionellen Beziehungsarbeit. Außerdem wird in Fachgesprächen mit Expertinnen und Experten herausgearbeitet, wie eine Strategie aussehen muss, um mehr Männer für das Grundschullehramt zu gewinnen.

Senator Rabe: „Wir wollen im Rahmen dieses Projekts zeigen, wie die Tätigkeit von Lehrkräften in der Grundschule heutzutage aussieht: abwechslungsreich, manchmal auch herausfordernd und gesellschaftlich wertvoll. In der Grundschule werden Bildungsbiographien angelegt, und alle Kinder werden mit ihren Potentialen gefördert und gefordert. Wir hoffen, mit diesem Modellprojekt einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich Geschlechterstereotype erweitern und im besten Fall verändern. Wir wollen jungen Männern auch zeigen, dass nicht nur ein wunderschönes, interessantes, erfüllendes und spannendes Tätigkeitsfeld auf sie wartet, sondern gleichzeitig ein sicherer Arbeitsplatz. Denn Grundschullehrkräfte werden auch künftig dringend gebraucht.“

Laut Berechnungen der Schulbehörde werden weitere Grundschullehrkräfte – weibliche wie männliche – auch in den kommenden Jahren dringend benötigt. Im laufenden Jahr 2022 liegt die Einstellungsbedarfsprognose an Hamburgs Grundschulen bei 344 Personen und ist damit der höchste Wert aller Schulformen. Zum Vergleich: An den Stadtteilschulen müssten 2022 laut Prognose insgesamt 323 Lehrkräfte eingestellt werden, an den Gymnasien 170. Im kommenden Jahr 2023 werden an Hamburgs Grundschulen 305 neue Lehrkräfte benötigt (Stadtteilschulen: 269, Gymnasien: 149). 

Das Modellprojekt „Mehr Männer in Grundschulen“ ist am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) in der Abteilung Beratung angesiedelt und wird in enger Abstimmung mit der ZEIT-Stiftung umgesetzt.

Terminankündigung: Der erste Schülercampus für „Mehr Männer in Grundschulen“ findet am 19. November von 11 bis 17 Uhr in der Bucerius Law School, Jungiusstraße 6, statt. Interessierte Schüler können sich unter http://www.maenner-grundschule.de/ anmelden. Dort finden sich auch weitere Informationen zum Modellprojekt. Die Maßnahme ist gleichzeitig eine Fortschreibung des gleichstellungspolitischen Rahmenprogramms des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg.


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