Kuratorin des Deutschen Pavillons unterstreicht politische Relevanz von Gegenwartskunst und weckt Vorfreude auf die 61. Kunstbiennale in Venedig. Lyrische Intervention zeigt disruptives Potenzial künstlerischer Annäherungen.
La rivoluzione siamo noi? Zwar steht hinter Joseph Beuys berühmtem Ausspruch im Titel der Bucerius Lecture 2026 ein Fragezeichen; doch Dr. Kathleen Reinhardt betonte beim Jahresauftakt der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS nachdrücklich die revolutionäre Kraft von Gegenwartskunst als Spiegel der Zeit. Die Kuratorin des Deutschen Pavillons bei der 61. Kunstbiennale in Venedig zeigte in ihrem Vortrag am 15. Januar 2025 in der Bucerius Law School, dass Kunst stets im Dialog mit Geschichte und Gesellschaft steht. Nora Gomringer umrahmte die Ausführungen Reinhardts mit einer lyrischen Intervention. Im anschließend von Prof. Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, moderierten Gespräch wurde die Relevanz von Kunst gerade in herausfordernden Zeiten betont und einhellig für kulturelle Spiel- und Resonanzräume geworben.
Prof. Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS: „Gerade in schwierigen Zeiten kommt der Kunst eine wichtige Aufgabe zu: widerständig sein, Missstände aufdecken und Utopien vorstellbar machen. Als ZEIT STIFTUNG BUCERIUS setzen wir uns dafür ein, Kunst und Kulturschaffende zu stärken. Wir senden mit unserem Jahresauftakt zwei Signale: Es lohnt sich gerade jetzt, Kunst im gesellschaftspolitischen Diskurs ernst zu nehmen. Wir möchten Lust auf Kunst und gemeinsame kulturelle Erlebnisse wecken – gerade in einem Jahr, das weltpolitisch so trist begonnen hat.“
Dr. Kathleen Reinhardt, Kuratorin des Deutschen Pavillons: „Kunst bietet in unserer höchst herausfordernden Gegenwart dringend benötigte Freiräume für kreative Visionen, für Begegnung, für gesellschaftliche Aushandlung und für gemeinsame kritische Reflexion. Kunstschaffende fragen in ihren Werken danach, wo wir stehen, wie wir hierhergekommen sind und vor allem wohin wir gehen und wie dies aussehen und sich anfühlen könnte.“
In ihrer Bucerius Lecture betrachtete Reinhardt vergangene Ausstellungen im Deutschen Pavillon im zeitgenössischen Kontext der letzten Jahrzehnte – und legte so das Spannungsverhältnis zwischen politischen und ästhetischen Auseinandersetzungen offen. Nora Gomringer verknüpfte in „Gestaltungsideen für den deutschen Pavillon auf dem Gelände der Kunstbiennale in Venedig“ gleichermaßen klug wie unterhaltsam gegenwartsbezogene Themen und mit Deutschland assoziierte Eigenheiten – und untermauerte anschaulich Reinhardts Thesen.
Kathleen Reinhardt kuratiert die diesjährige Schau im Deutschen Pavillon in Italien gemeinsam mit Arbeiten von Sung Tieu und Henrike Naumann, die als Alumna bzw. designierte Professorin der Hochschule für Bildende Künste beide mit Hamburg verbunden sind. In ihren vielfach ausgezeichneten Werken beschäftigen sich die in Ostdeutschland aufgewachsenen Künstlerinnen mit den historischen, sozialen und politischen Dimensionen u. a. von Alltagsästhetik, stets in Verbindung mit den Fragen der Gegenwart.
Die Bucerius Lecture fand am 15. Januar zum zweiten Mal im Helmut-Schmidt-Auditorium der Bucerius Law School vor rund 350 Zuhörenden statt. Als programmatischer Jahresauftakt der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS nimmt sie jeweils ein zentrales gegenwartsbezogenes Thema in den Blick. So warb der US-Historiker Timothy D. Snyder Anfang 2025 parallel zum Regierungsantritt Donald Trumps für Freiheit als „Wert aller Werte“.
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Dr. Kathleen Reinhardt
Kathleen Reinhardt ist seit Dezember 2022 Direktorin des Georg Kolbe Museums in Berlin, zuvor war sie als Kuratorin für Gegenwartskunst am Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden tätig. 2026 wird sie den Deutschen Pavillon auf der 61. Kunstbiennale in Venedig gestalten. In ihren Ausstellungen und Publikationen verbindet sie historische Fragen mit dem Heute. Sie promovierte zu afroamerikanischer Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, schreibt für Publikationen und Fachzeitschriften und unterrichtet zu Kunstgeschichte, kuratorischer Praxis und Kunstschaffen in post-sozialistischen Räumen an Universitäten und Kunstakademien weltweit.
Nora Gomringer
Nora Gomringer ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin und schreibt für Radio und Feuilleton, veröffentlicht Kolumnen und Essays. Auftragsarbeiten wie Libretti für Opernprojekte und das Theaterstück „OINKONOMY“ wurden für verschiedene Bühnen realisiert. Gastprofessuren und Stipendien führten sie nach Sheffield, Koblenz/Landau, Kyoto, New York und Novosibirsk. Seit 2010 ist sie Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg. 2015 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, weitere Auszeichnungen wie der Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis oder der E.T.A. Hoffmann-Preis folgten. Ihr Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.
ZEIT STIFTUNG BUCERIUS
Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS setzt sich aus Hamburg heraus für eine freie und handlungsfähige Demokratie mit einer konstruktiven Streitkultur ein. Durch zahlreiche Förderprogramme und eigene Institutionen wie das Bucerius Kunst Forum und die Bucerius Law School unterstützt sie u. a. Wissenschaft, Kunst und Presse. 2026 verstärkt sie ihr Engagement in Ostdeutschland, um demokratiefördernde zivilgesellschaftliche Initiativen, freie Kunst und Presse nachhaltig zu stärken.