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© Bucerius Law School
(Kein) Aufstieg durch Bildung?

Wann ist Bildung gerecht? Und wie gestalten wir sie gemeinsam so, dass Alle den gleichen Zugang zu gleicher Bildung haben? Wie gleichen wir unterschiedliche Start- und Lernbedingungen aufgrund sozialer Herkunft aus? Diese und viele weitere Fragen steckten hinter dem Titel „(Kein) Aufstieg durch Bildung?“, der am Abend des Internationalen Tags der Bildung (24. Januar) über der Bühne des Auditoriums in der Bucerius Law School schwebte. On stage diskutierten dazu Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Bündnis90/Grüne) und der Bestseller-Autor und Professor für Soziologie Steffen Mau gemeinsam mit Manuel Hartung, Vorstandsvorsitzender der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS – auch über das vermeintliche Versprechen, durch Bildung auch heute noch „aufsteigen“ zu können.

Übergabe des „Manifests zum Bürgerrecht auf Bildung“

Der Abend fand im Rahmen der gemeinsamen Initiative „Bildung ist Bürgerrecht“ der Bucerius Law School und der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS als spannende Talkrunde mit dem Publikum statt und markiert einen wichtigen Punkt in der Geschichte des Projekts, das bereits seit über einem Jahr intensiv arbeitet. Ziel sind die Ausgestaltung des 2021 vom Bundesverfassungsgericht formulierten Grundrechts auf schulische Bildung und das Gewährleisten von mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit in unserem Schulsystem. Ministerin Paus wurde dabei von Projektleiter Prof. Dr. Felix Hanschmann ein von ihm und weiteren namhaften Expert:innen aus Bildungspraxis, bildungswissenschaftlicher Forschung, Rechts- und Gesellschaftswissenschaften entwickeltes „Manifest zum Bürgerrecht auf Bildung“ übergeben – eine Art Anleitung für mehr Bildungsgerechtigkeit. Das Dokument fasst in neun Empfehlungen in drei großen Bereichen und zusätzlichen Handlungsrichtlinien für Schulen zusammen, wie gerechtere Bildung in Deutschland  gelingen kann.  

„Wir wollten mit konkreten Vorschlägen und Forderungen einen Beitrag dazu leisten, dass in Deutschland alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ihr Recht auf Bildung verwirklichen können – und so ein Aufstieg durch Bildung möglich sein kann“, sagte Prof. Felix Hanschmann, Leiter des Projekts, bei der Übergabe des Manifests. „Sie lassen sich nicht von der Angst vor einer Bildungskatastrophe lähmen“, kommentierte Lisa Paus anschließend dankend die Konzeption des Dokuments und führte in ihrer Eröffnungsrede gleich selbst drei Thesen für mehr Bildungsgerechtigkeit an: „Bildung ist mehr als Schule. Bildung und ökonomische Grundsicherung für Kinder müssen Hand in Hand gehen. Und: Bildung ist der Dünger unserer Demokratie – aber keine Garantie für ihr Gedeihen.“

Bildungsorte als Lern- und Lebensraum, der Bedarf nach finanziellen Förderungen und die Bedeutung von Bildung für Demokratie – welche Weichen für Bildungsgerechtigkeit gestellt werden müssen, schien Konsens für die Podiumsdiskussion an diesem Abend. Ein weiteres Fokusthema der Gespräche: Die Etablierung der KiTa als Ort für frühkindliche Bildung und ihr Zusammenspiel mit der Institution Schule. Bildung müsse früh ansetzen – schon vor der Schule. Der Hintergrund, so verzeichnet es das Bildungsmanifest: Bildungserfolge von Kindern hängen in Deutschland nach wie vor von der Herkunft der Eltern ab. Das deutsche Schulsystem benachteiligt Kinder, die zum Beispiel aus armutsbetroffenen, nichtakademischen oder migrantischen Familien stammen.

„KiTas und Schulen sind Orte der Schicksalskorrektur“

„Es ist einfach noch wenig begriffen worden, dass Kita auch ein Bildungsort ist wie die Schule“, formulierte dazu Steffen Mau und bezeichnete beide Institutionen als „Orte der Schicksalskorrektur“. Sie seien Orte, an denen Kinder „den vielleicht familiär vorgeprägten Pfad verändern können.“ Außerdem sei noch immer zu wenig begriffen worden, dass Lehrer:innen und Erzieher:innen auch eine Navigationsfunktion hätten und Kinder zu Dingen befähigen oder bewegen könnten, „die vielleicht von Zuhause aus nicht mitgegeben werden“.
Ministerin Paus hob dazu die vom Bund mitentwickelten und geplanten Gesetze zur KiTa-Qualität und zur Ganztagsförderung hervor. Diese sehen vor, dass die Bundesländer mehr als vier Milliarden Euro in die Qualität von Kindertagespflege investieren und ab dem Schuljahr 2026/27 stufenweise ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder der Klassen 1 bis 4 eingeführt wird. Auch das Bildungsmanifest der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und der Bucerius Law School fordert Ganztagslösungen zum Ausgleich von Care- und beruflicher Arbeit.

Der wichtigste Schritt, um schon früh neue Weichen zu stellen: Schule und KiTas gemeinsam denken. Martina Diedrich, ebenfalls beteiligte Expertin und Unterzeichnerin des Bildungsmanifests, verwies auf die aus ihrer Sicht zum Teil verfehlte Darstellung von Schulen: Diese seien sehr wohl Institutionen, die vieles meistern würden im Ausgleich von unterschiedlichen Bildungszugängen und -voraussetzungen von Kindern – aber eben nicht alles und nicht allein. „Wie schaffen wir es, rauszukommen aus diesem Ressort- und Kastendenkenund Bildung als ganzheitliche Aufgabe von ganz vielen Zuständigkeiten zu begreifen?“, so ihre Frage. „Indem wir anfangen“, lautete unter anderem die Antwort der Ministerin, die begrüßte, dass Arbeitsgruppen aus Sozial- und Schulbehörden bereits an ganzheitlichen Bildungskonzepten arbeiten und sie dadurch auch mit ihrem eigenen Ministerium selbst enger an Bildungsthemen herantreten werde.

Armut und sozialer Wandel – wie Bildung die Teilhabe an Gesellschaft prägt

„(Kein) Aufstieg durch Bildung?“ – unter diese Frage fielen seitens des Publikums noch viele weitere Punkte – zum Beispiel die Akademisierung von Gesellschaften. Publikum und Panel diskutierten dazu über den Ruf und das Ansehen der Berufsausbildung gegenüber der akademischen und die Verheißungen und Realitäten von höheren Einkommen im späteren Leben, die mit akademischen Abschlüssen verbunden sind.

Ähnlich kontroverse Verhältnisse zwischen gesellschaftlichen Gruppen schaffen unterschiedliche Bildungsstände auch im Hinblick auf die Demokratie, das hob Soziologe Mau noch einmal zum Ende der Diskussion hervor. „Bildung ermöglicht, mit komplexen sozialen Situationen – auch Veränderungen – besser umzugehen, weil sie eine Möglichkeit der kognitiven Erfassung der Welt bietet“, so Mau. „Wir sehen das auch in unseren Studien, dass zum Beispiel die Frage, ob sich Leute abgehängt fühlen, ob sie sich vom sozialen Wandel überrollt fühlen, das hängt sehr eng mit der Bildung zusammen.“ Welche Aufgaben hätten also Politiker:innen in ihrer Arbeit, um eine Gemengelage zu bewältigen?, lautete dazu die passende Frage, die Ministerin Paus sich schon selbst in ihrer Eröffnungsrede stellte. „Zum einen: Immer und immer wieder unsere Politik zu verständlich zu machen. Und zum anderen: Unsere freiheitliche, vielfältige, demokratische Gesellschaft zu schützen.“

Vielleicht ist eine passendere Frage für die Zukunft von Bildungsgerechtigkeit also nicht (nur) die nach Aufstieg und Entwicklung – sondern die nach Bildung als Schutzschild. Für die Demokratie, für Kinder, für alle.

Weitere Informationen und das Manifest hier.

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