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© Pavlo Titko
Juri Durkot: „Die Ukraine steht im Mittelpunkt"

Hier schildert der ukrainische Journalist, wie unabhängiger Journalismus in der Ukraine auch in Kriegszeiten bestehen kann und muss.

Am ersten Tag des russischen Angriffskriegs auf das Gesamtgebiet der Ukraine fing Juri Durkot an, ein Kriegstagebuch zu schreiben. Genau ein Jahr später sind seine kritischen, oft bedrückenden, aber auch anschaulichen Zeilen weiterhin bei der WELT nachzulesen. Er schreibt über die Schicksale und Geschichten einzelner Menschen – von der Front bis nach Lviv, wo Durkot lebt. Aber auch sein persönlicher Blick auf das Kriegsgeschehen findet in seinen Zeilen Platz. Juri Durkot ist außerdem Jury-Mitglied unserer Free Media Awards für unabhängigen Journalismus in Osteuropa und arbeitet als freier Journalist, Übersetzer und Publizist. 2018 erhielten er und Sabine Stöhr den Preis der Leipziger Buchmesse für die Übersetzung des Romans „Internat“ von Serhij Zhadan.

Am 24. Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine als souveränen Staat, dem Überfall gingen die russische Besetzung der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 und jahrelange Kämpfe im Osten des Landes voraus. Im Interview zum einjährigen Anhalten des vollständigen Angriffskriegs spricht Juri Durkot über die Lage ukrainischer Journalist:innen im Kriegsgeschehen, die Balance der ausländischen Berichterstattung und erklärt, warum das Schreiben für ihn manchmal der einzige Ausweg ist.

Herr Durkot, vor einem Jahr hat Russland die Ukraine als Gesamtgebiet angegriffen. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Gedanken, als Sie von den Angriffen erfahren haben? Wie blicken Sie auf den 24. Februar 2022 zurück?
Ich habe im Februar kurz vor dem Überfall einen Text über Fußball und das Erwachsenwerden geschrieben und gleichzeitig Hannah Arendts „Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft“ gelesen. Das war eine merkwürdige Verbindung. Die Zeit war düster und alle Zeichen standen auf Krieg, aber wir wollten nicht wirklich daran glauben. Als es passiert ist, war klar: Fußball und Erwachsenwerden spielen keine Rolle mehr; Lesen konnte ich persönlich nicht mehr. Ich weiß, dass es vielen anderen auch so ging. Es war absolut unmöglich, sich zu konzentrieren, man konnte nur noch die Meldungen im Ticker verfolgen. Natürlich war es möglich, eine Art Tagebuch zu schreiben – ich persönlich habe damit angefangen und kenne viele andere, die dasselbe getan haben, selbst im Ausland, zum Beispiel in Berlin. Für mich ist der Text heute kein Tagebuch mehr, sondern eher eine Kolumne oder ein Blog. Das Schreiben hat mich das ganze Jahr begleitet; vielleicht ist es das Beste, was man machen kann. Man versucht damit vielleicht, die Welt für andere zu erklären, aber auch für sich selbst.

Wie glauben Sie, haben sich die Herausforderungen an unabhängigen Journalismus in und aus der Ukraine innerhalb dieses Kriegsjahres verändert?
Journalisten sind genauso wie alle anderen von diesem Krieg betroffen. Viele von ihnen waren an der Front, einige wurden getötet, andere verwundet, in den besetzten Gebieten haben sie zum Teil schreckliche Dinge miterlebt. Das sind oft sehr persönliche Tragödien. Aus Cherson konnte man nicht wirklich berichten, als die Stadt von Russen besetzt war, aber einige Journalisten sind noch geblieben und haben teilweise versucht, inkognito zu produzieren. Man änderte auch die Namen der Menschen, über die man geschrieben hat, da diese sonst in Gefahr geraten könnten.

Vor allem hat sich etwas für den Fernsehjournalismus geändert: Im Grunde genommen gab es nach dem Anfang des Krieges keine Fernsehsender mehr in der Ukraine. Alle Sender haben sich zu einem Pool zusammengetan. Der besteht bis heute – jeder steuert seinen Beitrag bei, aber es ist ein einheitliches Programm auf fast allen Kanälen. Natürlich hat sich auch Social Media zu einer wichtigen Quelle für Information und Desinformation entwickelt. Ich finde es wichtig, dass trotz dieser gesamten Situation der unabhängige und besonders der investigative Journalismus nicht gestorben sind. Die Korruptionsfälle im ukrainischen Verteidigungsministerium hat Jurij Nikolow von „Nashi Hroschi“ aufgedeckt. Er sagte, dass er lange gezweifelt hat, ob er die Geschichte veröffentlichen soll. Er wandte sich auch an das Ministerium und wollte, dass sie den Fall aufarbeiten. Als er nach einer Art Blockade entschied, die Geschichte zu veröffentlichen, schlug sie ein wie eine Bombe. Auch Korruptionsfälle in anderen Ministerien wurden publik gemacht. Für den investigativen Journalismus ist das ganz, ganz wichtig. Auch im Krieg sind die Kolleginnen und Kollegen nicht nur auf positive Nachrichten fokussiert. Natürlich bleibt der Hintergedanke: Schadest du jemandem durch deinen Text oder kannst du vielleicht jemanden gefährden? Bei einer großen Frage sind sich aber – glaube ich – fast alle Ukrainer einig: Die Korruption aufzudecken ist das zentrale Anliegen für die Presse. Wenn wir sie nicht aufdecken, werden wir schwächer und nicht stärker.

Welche Perspektive fehlt Ihnen auch ein Jahr nach Kriegsausbruch in der bisherigen Berichterstattung?
Nicht nur wir Ukrainer, sondern auch Medien weltweit haben sich verändert. Vorher waren deutsche und internationale Medien in der Ukraine eigentlich nicht präsent. Man hatte keine Büros, viele haben aus Moskau berichtet, die deutschen Tageszeitungen aus Warschau. Kyjiw war vor allem aus finanziellen Gründen für viele keine Option – das hat sich gerächt. Der Blick von Moskau aus kann nicht unvoreingenommen sein, selbst dann, wen man das will. Hinzu kommt, dass man überfordert war. Ich weiß nicht, ob das der Grund ist, warum besonders die öffentlich-rechtlichen Medien bis heute eine vermeintliche Ausgewogenheit praktizieren. Ich glaube, Masha Gessen hat es einmal gut formuliert als sie sagte, man solle bitte nicht die russischen Behörden zitieren. Letztendlich habe ich ein Problem mit dem Satz: „Diese Informationen kann man nicht durch unabhängige Berichte verifizieren.“ Manchmal stimmt das nicht. Wenn eine Seite sagt: „Es regnet“ und die andere „es regnet nicht“, ist es nicht die Aufgabe von Journalisten, beide Meinungen wiederzugeben. Es ist die Aufgabe, aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, was wirklich los ist.

Sie haben gerade schon die Problematik der Ortswahl für Redaktionen erwähnt. Welche Erwartungen haben sie noch an Journalist:innen in Deutschland oder dem Ausland – was muss sich verändern?
Es ist wichtig, auch andere Regionen außerhalb von Kyjiw im Blick zu haben. Das ist oft eine Ressourcenfrage, aber auch eine Frage der Kompetenz bei westlichen Journalisten. Früher hat man sich damit zufriedengegeben, jemanden mit Russischkenntnissen in die Region zu schicken, egal, wie viel er davon verstanden hat – auch das hat sich gerächt. Dass viele Russisch gelernt und russische Literatur gelesen haben, hat die Wahrnehmung stark entschärft und gestört. Wir wissen, dass die Osteuropa-Expertise bis zu diesem Krieg eigentlich fehlte. Es gab nur wenige Stimmen und Experten, die sich in der Region auskannten, und auch die wurden nicht wirklich gehört. Letztendlich ist das für westliche Journalisten ein Lernprozess, denn wir wissen mittlerweile, dass es diese Expertise nicht nur in der Politik oder in den Think-Tanks, sondern auch in den Medien gibt. Jetzt ist aber ganz klar: Die Ukraine steht im Mittelpunkt – und zwar nicht nur als der tragische Held. Man interessiert sich auch viel mehr für die ukrainische Kultur, Literatur und Kunst. Das Metropolitan Museum of Modern Art in New York hat zum Beispiel einige Kunstwerke umbenannt.

In einem Eintrag Ihres Kriegstagebuchs aus April 2022 schreiben Sie: „Weil alle Kriege irgendwann enden, muss man sich die Frage stellen: Was macht man danach?“ – Denken Sie heute immer noch an die Frage?
Zum Teil beschäftigen wir uns damit – das merkt man beispielsweise daran, dass wir jetzt schon Pläne für den Wiederaufbau schmieden. Das ist zum Teil auch Ausdruck dafür, wie fest wir wirklich glauben: Wir gewinnen. Die Zahlen, die gerade bei verschiedenen Umfragen in der Ukraine rauskommen, sind unglaublich: Die ukrainischen Streitkräfte genießen das größtmögliche Vertrauen überhaupt. Selenskyj vertrauen immer noch 90 Prozent, 87 Prozent wollen in die EU eintreten, 86 Prozent in die NATO. Man könnte sagen, Putin hat bei all seinen Zielen genau das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte.

Interview: Jessica Staschen/Robin Micha

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