Selbstverbesserung ist nicht gleich Selbstoptimierung

Ende Oktober hat das Hamburg Institute for Advanced Study (HIAS) die Türen seines frisch bezogenen Domizils in der Rothenbaumchaussee geöffnet. Bis zu 20 Wissenschalfter:innen und Kunstschaffende aus der ganzen Welt können und sollen sich hier zukünftig interdisziplinär austauschen. Als eine der ersten Wissenschaftler:innen hat die Schriftstellerin und Literaturprofessorin Prof. Dr. Anna Katharina Schaffner von der University of Kent ihre Forschung am HIAS aufgenommen. Sie schreibt mit dem von der ZEIT-Stiftung geförderten Gerd Bucerius Fellowship an ihrem Buch „The Art of Self Improvement: Ten Timeless Truths“. Im Interview spricht sie über ihre Forschung, ihre ersten Eindrücke am HIAS und warum Selbstverbesserung nicht mit Selbstoptimierung gleichzusetzen ist.

Frau Schaffner, in Ihrer Forschung schauen Sie sich die Selbstverbesserung im historischen und immer auch im gesellschaftlichen Kontext an. Gibt es Themen, die immer wieder auftauchen?

Es gibt Themen, die sich tatsächlich wie ein roter Faden durch die lange Geschichte der Selbstverbesserung ziehen. Selbsterkenntnis ist dabei der Ausgangspunkt und bedeutet, dass wir verstehen wo unsere Schwächen und Stärken liegen und wo unsere tieferen Motive. Selbsterkenntnis wurde schon bei den alten Griechen thematisiert: „Erkenne dich selbst“ ist beispielsweise in den Tempel von Apollo geritzt. Es gibt aber noch weitere wichtige Themen, wie das Loslassen, die Gedankenkontrolle und die Fähigkeit, sich in die Gefühlslage anderer Menschen hineinzuversetzen. Schon Machiavelli hat die sogenannte Mentalisierung für sich genutzt. Auch heute spielt diese Form der Selbstverbesserung eine große Rolle in der Ratgeberliteratur. Andere aktuelle Themen sind das „Im Hier und Jetzt leben“ und der Minimalismus.

Für Sie ist Selbstverbesserung nicht gleich Selbstoptimierung. Selbstverbesserung sei aber ein Grundbedürfnis der Menschen? Warum?

Ich spreche in meinem Forschungsprojekt ganz dezidiert von der Selbstverbesserung und nicht von der Selbstoptimierung, weil die Selbstoptimierung gerade in Deutschland ein ziemlich negativ besetzter Begriff ist. Die Selbstoptimierung wird oft als eine neoliberale Effizienzsteigerung dargestellt, bei der wir uns an ein wirtschaftliches Paradigma anpassen sollen, um immer produktiver, immer effizienter zu werden. Die Selbstverbesserung wiederum ist ein menschliches Bestreben, das sich bis in die chinesische Antike zurückverfolgen lässt und letztendlich zum Ziel hat, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Die Energien des verbesserten Selbst werden nicht innerlich aufgezehrt, durch Ängste, Stress oder Aggression, sondern können nach außen gelenkt werden, auf andere Menschen und Projekte. Das verbesserte Selbst überkommt sich, sozusagen, und wird prosozialer.

Wenn man sich so intensiv mit dem Thema der Selbstverbesserung auseinandersetzt schaut man dann auch auf sich selbst?

Ja, absolut. Ich denke ja sowieso, dass Akademiker:innen immer an Themen arbeiten, die für sie selbst relevant sind und dass wir immer eine tiefere Verbindung zu unseren Themen haben. Ich bin niemand, der nur an abstrakten Modellen oder Theorien interessiert ist, für mich stellen sich immer auch die Fragen: „Was machen wir jetzt damit? Was ist daran gesellschaftlich relevant?“ Mein Buch habe ich am Anfang als wissenschaftliche Monografie konzipiert und dann habe ich gedacht, das ist ein Thema, das potentiell für viele Menschen interessant ist und habe das Buch nochmal komplett neu geschrieben, sodass es auch für eine allgemeinere Leserschaft zugänglich ist.   

Einer ihrer weiteren Forschungsschwerpunkte ist „Exhaustion“. Wie spielen Selbstverbesserung und Erschöpfung zusammen? Wie nehmen Sie dieses Zusammenspiel in der Coronakrise wahr?

Ich denke, dass die Erschöpfung in der Coronakrise wieder ein wichtiges Thema geworden ist. Beispielsweise sehe ich das an den Universitäten. Dort müssen komplexe Auflagen umsetzt werden, die administrativ kaum zu bewältigen sind und sich dann zwei Wochen später wieder ändern. Vieles was als selbstverständlich galt, ist nicht mehr sicher. Das alles nimmt uns sehr viel Energie. Viele haben die Zeit des ersten Lockdowns aber auch genutzt, um inne zu halten, über tiefere Werte und Ziele nachzudenken. Die Zeit wurde von vielen zum Lernen genutzt und Selbstverbesserung ist eine Spielart des Lernens. Die Krise zwingt uns, uns zu verbessern und uns an eine neue Realität anzupassen. Die massiv beschleunigte Digitalisierung ist dabei nur ein Beispiel. 

Der fehlende persönliche Austausch ist eine der großen Herausforderungen während der Corona-Pandemie. Das HIAS wurde gegründet, um genau diesen Austausch zwischen verschiedenen Disziplinen und mit den Hamburger Wissenschaftler:innen zu fördern. Ist dieser Austausch derzeit überhaupt möglich?

Ja, unter gewissen Einschränkungen. Wir haben jede Woche ein gemeinsames Corona-sicheres Mittagessen und gemeinsame Veranstaltungen, und arbeiten alle im gleichen Gebäude, wie eine Art Forscher-WG. Die Zusammensetzung des ersten HIAS Jahrgangs und der ersten Fellows, die mit mir gestartet sind, ist sehr spannend. Eine Mikrobiologin, eine Kultursoziologin, ein Rechtsphilosoph und ich. Da würde man erstmal nicht auf die Idee kommen, dass es thematische Überschneidungen gibt, gibt es aber. Zum Beispiel beschäftigen wir uns alle mit Themen, die mit dem Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft zusammenhängen. Die Mikrobiologin erforscht zum Beispiel, wie Einzeller sich zu komplexeren Systemen zusammenschließen und dann als Teil einer neuen Entität funktionieren. Das Ziel des HIAS ist es, einen multidisziplinären Austausch zu fördern, Raum zu geben, damit sich neue Perspektiven öffnen können. Man wird angeregt die eigene Fragestellung aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen und wird im Weiterdenken bestärkt. Das passiert auch trotz der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. Ich merke jetzt schon, dass sich meine Ideen in ganz neue spannende Richtungen entwickelt haben. Es ist wirklich ein kleines Forscherparadies, in dem wir hier frei von Verantwortungen oder administrativen und Lehrtätigkeiten forschen können. Die einzige Verpflichtung ist das intellektuelle Gespräch mit anderen Wissenschaftler:innen. 

Welchen Einfluss kann eine Institution wie das HIAS auf den Wissenschaftsstandort Hamburg haben?

Die Verbindungen, die die Fellows miteinander eingehen, aber auch mit ihren wissenschaftlichen Tandem-Partnern aus Hamburg, beleben den Wissenschaftsstandort nachhaltig. Aus lokalen Netzwerken werden weltweite Netzwerke, die Hamburg noch mehr mit der internationalen Wissenschaftswelt verknüpfen. Das HIAS übernimmt zudem auch eine wichtige Rolle in der Wissenschaftskommunikation und öffnet den Diskurs mit der Öffentlichkeit.