„WEICHENSTELLUNG ist ein Mutmacherprojekt“

In der Beilage „WEICHENSTELLUNG – das Mentoring-Programm der ZEIT-Stiftung“ des Hamburger Abendblatt spricht Tatiana Matthiesen, Bereichsleiterin Bildung und Erziehung, darüber wie die ZEIT-Stiftung es schafft, Schüler:innen mit einem besonderen Projekt bessere Zukunftschancen zu eröffnen. Sie berichtet von den Zielen und Erfolgen von WEICHENSTELLUNG, über die Anfänge im Jahr 2012, die rasante Entwicklung während der Flüchtlingskrise 2015. Sie erklärt im Interview, worum es bei WEICHENSTELLUNG genau geht und warum ein solches Projekt nur dank starker Partner möglich ist.

Interview mit Tatiana Matthiesen, erschienen am 20. Januar 2021 in der Beilage „WEICHENSTELLUNG – das Mentoring-Programm der ZEIT-Stiftung“ des Hamburger Abendblatt:

Frau Matthiesen, Sie kommen ursprünglich aus der Entwicklungshilfe. Hat Deutschland die in Sachen Bildung nötig?
Auch in einem Chancenland wie unserem gibt es Vieles, was nicht so läuft, wie wir uns das wünschen. Es geht darum, Dinge neu zu denken, um sie besser zu machen – das ist ja quasi die Grundidee der ZEIT-Stiftung. Dazu gehört zum Beispiel, jungen Menschen mit ungünstigen Startbedingungen Chancen zu eröffnen, die ihrem Potenzial entsprechen. Das versuchen wir im Rahmen von WEICHENSTELLUNG. 

Was war die Ausgangsbasis?
Es fing 2012 mit einem Vorläuferprojekt an. Wir arbeiten zu den einzelnen Themen mit Experten zusammen, damals mit dem Direktor des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung, Peter Daschner. Seine Beobachtung war, dass zwar im Klassenzimmer die gesellschaftliche Vielfalt erlebbar ist, aber nicht im Lehrerzimmer. Wir haben deshalb mit dem Projekt „Schülercampus: Mehr Migranten werden Lehrer“ junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte angesprochen, um sie für das Lehramtsstudium zu gewinnen. Inzwischen ist das Projekt in zehn Bundesländern erfolgreich und funktioniert noch immer – mittlerweile übrigens ohne unser Zutun.

Und wie kam es dann zu WEICHENSTELLUNG?
Auch von vielen „Schülercampus“-Teilnehmerinnen und -teilnehmern wussten wir, dass die Übergänge ihnen Schwierigkeiten bereitet hatten – also der zwischen 4. Klasse und weiterführender Schule oder dann am Ende der Schule in die Ausbildung oder den weiteren Bildungsweg. Das bestätigen auch Bildungsforscher wie Professor Jürgen Baumert, der diese Übergänge als sensible Gelenkstellen für soziale Ungleichheit identifiziert hat. Ziel muss es also sein, Schülerinnen und Schülern mit Potenzial Stolpersteine aus dem Weg zu räumen – und die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Wie wird das im Rahmen des Projekts umgesetzt?
Kerngedanke ist das Mentoring. Den Kindern wird ein Mentor zur Seite gestellt, der ihnen hilft, den Übergang zu meistern. Das greift das Konzept des „doppelten Lernens“ auf, das der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Reiner Lehberger entwickelt hat, der pädagogische Koordinator von WEICHENSTELLUNG. Die Idee: Lehramtsstudierende begleiten Schüler als Lotsen bei ihrem Übergang und gewinnen so pädagogische Praxiserfahrung. Und die Mentees profitieren davon, dass jemand an sie glaubt und sie auf ihrem Weg an die Hand nimmt.  

Um welche Kinder geht es?
Die teilnehmenden Schulen identifizieren die passenden Schüler und schlagen sie für die Förderung vor. Es sind Kinder, die aufgrund vielfältiger Gründe ihr Potenzial nicht entfalten können. Mal sind mangelnde Sprachkenntnisse das Problem, mal fehlt es an Unterstützung durch die Familie. Die Lehrkräfte in den Partnerschulen ziehen mit den Mentoren an einem Strang. 

Ist das Ziel immer das Gymnasium?
Nicht jeder muss Abitur machen. Und jedenfalls in Hamburg gibt es die Stadtteilschule, die ebenfalls dahin führt. Die Kinder sollen erreichen, was sie schaffen können. Ganz wichtig ist, dass die Begleitung längerfristig angelegt ist. Das wurde uns schnell von den Schulen signalisiert: Bleibt auch in der 5. und 6. Klasse an Bord, sonst scheitern die Kinder womöglich in der Beobachtungsstufe. Deshalb ist die Patenschaft hier auf drei Jahre angelegt, bei den Programmen für die Älteren sind es nur zwei.

Wann hat das Projekt Fahrt aufgenommen?
Unter den Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen, waren viele Kinder und Jugendliche – und damit Schüler, die Förderung brauchen. Für das Viertklässlerprogramm, das in Hamburg 2013 erfolgreich gestartet war, gab es schnell Interessenten aus Baden-Württemberg, in Bayern wollte man die Weichenstellung für ältere Zuwandererkinder adaptieren die wir 2015 eingeführt haben. Und so haben wir unsere Erfahrungen geteilt und das Projekt mit Universitäten und regionalen Partnern auch in anderen Bundesländern. 

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Partnern?
WEICHENSTELLUNG ist ein Kooperationsprojekt. Wir wären ohne die Partner nicht da, wo wir sind. Die ZEIT-Stiftung hat als Impulsgeber tolle Schulen und Hochschulen ins Boot geholt und wird von lokalen Behörden und dem Bundesfamilienministerium unterstützt. Dazu kommen Stiftungen vor Ort, die sich inhaltlich und finanziell engagieren – wie hier in Hamburg etwa die Dürr-Stiftung. Wir freuen uns, wenn neue Schulen dazukommen, können aber die Förderung nur anbieten, wenn auch die Mittel da sind. Für die drei Jahre Grundschulförderung sprechen wir da von 5000 Euro pro Kind, der Großteil entfällt auf die Aufwandsentschädigung für die Studierenden. WEICHENSTELLUNG hat drei Bausteine – neben dem Übergang aus der Grundschule der aus der internationalen Vorbereitungsklasse in die Regelschule und der in die Ausbildung.  

Welcher ist aus Ihrer Sicht der wichtigste?
Aus meiner Sicht nach wie vor der für die Viertklässler: Bei ihnen können wir die Weichen für das gesamte spätere Leben stellen. Wer da durch direkte persönliche Unterstützung Mut schöpft und an Selbstbewusstsein gewinnt, wird so gestärkt, dass er auch die nächsten Hürden meistern kann. WEICHENSTELLUNG ist ein Mutmacherprojekt. Wir werden nicht die Welt verändern, aber wir können einen wahrnehmbaren Akzent setzen.