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© Jonas Walzberg / ZEIT STIFTUNG BUCERIUS
Auftakt der Reihe „Was bleibt“ rückt den einstigen Lieblingsdichter der Deutschen Jean Paul in den Mittelpunkt

Die Lust am Verstehen und die Bedeutung von Kultur im Hier und Jetzt stehen im Zentrum von „Was bleibt – Expeditionen zu Büchern und Musik“, der neuen Veranstaltungsreihe der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS. Bei der ersten Veranstaltung stellte der Kultur- und Medienjournalist Dr. Holger Noltze den Schriftsteller Jean Paul vor. Ergebnis der abendlichen Reise im Bucerius Kunst Forum: Der schreibwütige Paul, gerühmt für originelle Abschweifungen, abgründigen Humor und gefühlsgeladene Plots, hat uns 200 Jahre nach seinem Tod noch viel zu sagen.

Jean Paul, geboren 1763 im oberfränkischen Wunsiedel als Johann Paul Friedrich Richter, zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Erzählern zwischen Aufklärung, Klassik und Romantik – ohne sich einer Strömung zuordnen zu lassen. Berühmt wurde er mit Romanen wie „Hesperus“ (1795), „Siebenkäs (1796/1797) und „Titan (1800–1803) sowie der späten Künstler- und Bildungsutopie „Flegeljahre“ (1804/1805). Pauls Werk ist geprägt von satirischer Schärfe, poetischer Empfindsamkeit und einer unverwechselbar verspielten, gedankensprunghaften Sprache.

Jean Pauls „Siebenkäs“ zeigt noch heute unterhaltsame Szenen aus dem Eheleben

 

All diese Qualitäten zeigen sich etwa in den tragikomischen Szenen der Ehe zwischen den Figuren Firmian und Lenette im „Siebenkäs, in denen Jean Paul mit feiner Bosheit den Weg in die Katastrophe aus lauter Kleinigkeiten zeichnet. Was der frisch verheiratete Hausherr sich als idyllischen Alltag vorstellt – gemeinsame Abende, sie nähend, er, der „Armenadvokat“ und Dichter, konzentriert an einer Satire arbeitend – wird in der Realität zur quälenden Pflicht. Lenette kann es ihrem Mann nicht recht machen: Sie ist mit der damals notwendigen Aufgabe des „Lichtputzens oder -schneuzens“ betraut, womit das regelmäßige Stutzen eines Kerzendochts gemeint ist. Und genau diese Aufgabe wird zum Symbol der ehelichen Krise: Firmian kann nicht mehr schreiben, da seine Gedanken darum kreisen, ob Lenette zur rechten Zeit schneuzen werde; sie kann nicht schneuzen, ohne falsch zu schneuzen. Aus dem ersten sanften Hinweis („Das Licht!“) wird bald der bellende Imperativ („Schneuz!“); aus dem zweisamen Abend wird ein nervöses Machtspiel, wie es später etwa von Vicco von Bülow alias Loriot inszeniert wurde. Frank Arnold rezitierte im Bucerius Kunst Forum die von Holger Noltze hervorragend ausgewählten Romanauszüge grandios bissig.

Noltzes Expeditionen knüpfen an die von Hanjo Kesting im Bucerius Kunst Forum begründete Tradition geistreicher Literaturvermittlung an

Überhaupt bewährte sich das Tandem aus dem Altgermanisten, Journalisten und Autor Holger Noltze als Expeditionsleiter und dem Schauspieler Frank Arnold als Stimmgeber für Jean Paul in dieser Erstausgabe einer neuen Reihe, die in große Fußstapfen tritt: Hanjo Kestings Vortrags- und Lektüreabende zu Romanen und Erzählungen der Weltliteratur sowie zu seinem Standardwerk „Grundschriften der europäischen Kultur: Erfahren, woher wir kommen“. Fast zwanzig Jahre hatte der Anfang 2025 im Alter von 82 Jahren verstorbene Kesting sein Publikum mit einem Programm begeistert, das genaue Lektüre komplexer Werke, geschichtliche Zusammenhänge und klugen Humor verband. Noltze erinnerte in seiner Vorrede an den „Riesen an Belesenheit“, dessen Format nicht einfach fortgeführt werden könne. In der neuen Reihe gehe es nun vielmehr um „Annäherungen, Suchbewegungen, Exkursionen“, unternommen mit Neugier, Ernst und Offenheit. Im Fokus werden Opern und Romane ebenso wie Feuilletons und kunstvolle Kleinigkeiten stehen, als Ausdruck eines tieferen kulturellen Zusammenhangs.

 

In sieben Abschweifungen entstand Nähe zur Urgewalt von Mensch und Werk

Die Expedition zu Jean Paul fand, stilistisch konsequent, in sieben sogenannten „Abschweifungen“ statt, die in ihrer Gesamtheit eine bemerkenswerte Nähe zu Pauls Wesen und Werk erzeugten. Sie beleuchteten neben der überbordenden Kreativität und Originalität des zum Extrem neigenden Schriftstellers etwa seinen Einfluss auf Komponisten wie Robert Schumann und Gustav Mahler. Werke wie der Klavierzyklus „Papillon“ (Schumann) oder die „Symphonie Nr. 1“ (Mahler) sind stark geprägt von der Jean Paul-Lektüre und -verehrung.

Eine weitere Erkenntnis des Abends: Gerade Pauls abschweifungsreiche Erzählweise, von Noltze als hyper-bzw. postmodern bezeichnet, ist überaus gegenwartsnah, weil vorbildhaft für die Abgelenktheit unserer heutigen Gesellschaft. So fand Noltze „in den Gedankensprüngen dieses Autors das Verlinkungsprinzip des Internets vorweggenommen“ und brachte die These auf, dass Jean Paul – der zeitlebens „wuchernde Zettelkästen“ und Berge von Exzerpten anlegte – dieses Medium geliebt hätte. Für einen Zugang zu ihm brauche es, was heute selten ist, „Geduld und Geistesgegenwart, diesem Autor nachzusteigen, und Gelassenheit – nennen wir es Komplexitätstoleranz“.

Der zweite Abend der Reihe findet am Mittwoch, den 4. März statt. Unter dem Titel „Unterwegs zu Wagners Beethoven“ soll eine literarische Phantasie aus der Feder des 27-jährigen Richard Wagners in den Blick genommen werden sowie ein dreißig Jahre später verfasstes Essay über den verehrten Meister, der für ihn Inspirationsquelle und Projektionsfläche ebenso wie eine Art übermächtiger Konkurrent war.

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