Lokaljournalist:innen sind Alleskönner. Aber manchmal bleiben trotzdem ein paar Recherchefragen offen. Dann können sie sich an den Support Desk Lokale Recherche wenden – ein Angebot von Netzwerk Recherche e. V., gefördert durch die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS. Maria-Mercedes Hering ist als Projektleiterin Lokaljournalismus für den Support Desk verantwortlich. Im Interview spricht sie über die spezifischen Herausforderungen (und Freuden) im Lokalen – und über journalistische Recherche als Teamarbeit.
ZEIT STIFTUNG: Bereits seit 2001 unterstützt Netzwerk Recherche die Arbeit von Journalist:innen in Deutschland. Wie kam es zu der Entscheidung, einen eigenen Support Desk explizit für Lokaljournalist:innen aufzubauen?
Maria-Mercedes Hering: Natürlich können die Kolleginnen und Kollegen im Lokalen alle Angebote von Netzwerk Recherche nutzen. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass der Druck auf den Lokaljournalismus größer wird und die – finanziellen wie zeitlichen – Ressourcen immer knapper werden. Deshalb haben wir entschieden, unsere Arbeit in diesem Bereich zu verstärken und neue Angebote zu schaffen. Damit Lokaljournalist:innen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.
ZEIT STIFTUNG: Was sind die spezifischen Herausforderungen, denen man im Lokaljournalismus begegnet?
Maria: Mir fällt vor allem auf, was für ein enorm breites Portfolio im Lokaljournalismus abgedeckt wird. Politische Termine und kulturelle Events, Blaulichtmeldungen und Bürgerinitiativen. Als Lokaljournalistin musst du Expertin in gefühlt allen Themen des täglichen Lebens, der Politik vor Ort und so weiter sein. Ich habe drei Jahre in der Digitalredaktion der Augsburger Allgemeinen gearbeitet und fand es sehr inspirierend, was die Kolleginnen und Kollegen da alles leisten. Aber bei all der Themenvielfalt fehlt leider oft die Zeit, sich intensiv mit einer Recherche zu beschäftigen.
Der Support Desk dient als Sparringspartner
ZEIT STIFTUNG: Mit welchen Anliegen wenden sich Lokaljournalist:innen an euch? Und wie könnt ihr helfen?
Maria: Die Anliegen lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Kategorie Eins sind sehr konkrete Fragen. Wenn etwa eine Journalistin – das ist jetzt ein fiktives Beispiel – zur städtischen Müllentsorgung in München recherchiert und nicht sicher ist, ob diese auskunftspflichtig ist nach dem Informationsfreiheitsgesetz. Manchmal kann ich solche Fragen direkt beantworten. Da ich selbst keine Expertin für das IFG bin, würde ich mich in diesem Fall an die Person bei uns im Netzwerk wenden, die für genau solche Auskunftsrechtsgeschichten zuständig ist. Da frage ich dann nach oder vermittle den Kontakt.
Was aber noch öfter passiert – und das wäre dann Kategorie Zwei – ist, dass sich Kolleginnen und Kollegen noch vor Beginn der Recherche bei uns melden. Wenn sie an einem Thema dran sind, aber noch nicht so richtig wissen: Ist das eine Geschichte? Kann ich die erzählen? Wo fange ich an mit der Recherche?
ZEIT STIFTUNG: Was ist in dieser Situation die Rolle des Support Desks?
Maria: Wir sind Sparringspartner. Meist ist es so, dass die Leute, die mich anrufen, eigentlich schon alles Wichtige wissen und gute Ideen haben. Was sie brauchen, ist eine andere Person, mit der sie sich mal eine Stunde zusammensetzen und in Ruhe ihre Gedanken sortieren können. Diese Unsicherheit am Anfang einer Recherche: „Kann ich das so machen? Vergesse ich gerade irgendwas?“, die kann man sich selbst oft nicht nehmen. Dazu braucht es den Austausch. Aber in den Redaktionen fehlt leider oft die Zeit, weil alle tagesaktuell eingespannt sind.
Gut recherchierte Stücke sind die, die gut gelesen werden
ZEIT STIFTUNG: Wie findest du es, dass ihr als Verein eine Aufgabe übernehmt, die eigentlich innerhalb der Redaktionen stattfinden müsste?
Maria: Ich würde mir wünschen, dass Lokalmedien ihren Autor:innen viel mehr Zeit und Ressourcen geben, um größere Recherchen zu verwirklichen. Auch weil ich weiß, dass große, gut recherchierte Stücke im Zweifel die sind, die gut gelesen werden und dem Medium Glaubwürdigkeit verschaffen. Ich sehe aber auch, dass die wirtschaftliche Situation für Lokalmedien einfach schwierig ist. Das kann ich nicht ändern. Was ich ändern kann, ist dass ich so vielen Leuten wie möglich Unterstützung biete, um aus den knappen Ressourcen das Beste rauszuholen.
ZEIT STIFTUNG: Habt ihr weitere Angebote, die sich explizit an den Lokaljournalismus wenden?
Maria: Zum Support Desk gehört auch noch das Format „Wie macht Ihr das eigentlich?“. Das ist eine Gesprächsrunde für Lokaljournalist:innen, in der wir Themen aufgreifen, die in der Beratung häufiger aufkommen. Ein weiterer großer Baustein ist das Fellowship Lokale Recherche. Es ermöglicht Lokaljournalist:innen eine Auszeit von zwei bis sechs Monaten, um sich intensiv mit einer Recherche zu beschäftigen – begleitet durch ein Mentoring und Fortbildungen zur investigativen Recherche.
„Wenn man sich Unterstützung sucht, ist das ein Zeichen von Stärke“
ZEIT STIFTUNG: Du hast selbst bei der Augsburger Allgemeinen gearbeitet. Was ist für dich das Besondere am Lokaljournalismus?
Maria: Mich berührt vor allem das Vertrauen, das einem entgegengebracht wird. Natürlich nicht immer, aber die Menschen, die bereit sind, mit einem zu sprechen, die geben einem so viel mit: was sie beschäftigt, was sie bewegt, was sie teilweise Schlimmes erlebt haben. Es gibt wahnsinnig viele inspirierende Leute und beeindruckende Beispiele davon, was Menschen alles schaffen können, wenn sie vor Ort zusammenkommen. Darüber berichten zu können, ist ein Geschenk.
ZEIT STIFTUNG: Die wichtigste Frage zum Schluss: Wie kann ich mich an den Support Desk Lokale Recherche wenden?
Maria: Ganz einfach telefonisch oder per E-Mail [Kontaktdaten s. unten, Anm. d. Red.]. Wir sind nicht rund um die Uhr besetzt, melden uns aber so schnell wie möglich zurück. Eine Sache ist mir noch wichtig: Ich erlebe immer wieder, dass es als Manko begriffen wird, wenn man sich Hilfe sucht. Das finde ich sehr schade, denn es ist doch das Normalste der Welt, dass man sich mit anderen austauscht. Journalistische Recherche ist Teamarbeit. Und wenn man sich Unterstützung sucht, dann ist das für mich ein Zeichen von Stärke, denn es zeigt, dass man bereit ist zu lernen und den unbequemen Weg zu gehen. Ich möchte alle dazu ermutigen, diese Möglichkeit zu nutzen – ob intern oder über den Support Desk.
So erreichst du den Support Desk Lokale Recherche: