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© Krister Sørbø for NRK
Free Media Awards 2026 in Oslo verliehen

Weit oben über den Straßen von Oslo, auf dem Dach des Munch-Museums in der norwegischen Hauptstadt, wirkt so manche Realität fern. Dabei ging es gerade am 29. September auf jenem Dach darum, die Menschen zu ehren, die die Realität akribisch verfolgen, dokumentieren, sie vor allem aber als solche benennen – und dafür häufig große Risiken eingehen, von langen Haftstrafen bis hin zur Lebensgefahr. Jene Menschen galt es  auszuzeichnen: Am 29. September wurden in Oslo von uns als ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und der norwegischen Stiftung Fritt Ord die Free Media Awards 2026 an Medien, Redaktionen und Journalist:innen aus Armenien, Belarus, der Ukraine, Georgien und Russland verliehen.

Bedrohung von Pressefreiheit und unabhängigen Journalist:innen steigt international

Seit über 20 Jahren überreichen wir den Preis für unabhängigen Journalismus abwechselnd in Hamburg und Oslo. Nicht immer können alle Preisträger:innen selbst anreisen, weil sie inkognito bleiben müssen, weil sie unter Beobachtung stehen, weil sie in Haft sitzen. Die ehemalige Preisträgerin Anna Politkowskaja, Journalistin aus Russland, nach der wir 2024 den Platz vor unserem Stiftungsgebäude benannt haben, wurde 2006 wegen ihrer regimekritischen Berichterstattung ermordet. „Jedes Jahr veröffentlicht ,Reporter ohne Grenzen‘ den ,Pressefreiheitsindex‘. (…) 2026 ist das erste Jahr, in dem mehr als 50 % der Länder die Bewertung ,schwierige Lage‘ oder ,sehr ernste Lage‘ erhielten“, berichtete unser Vorstandsvorsitzender Manuel Hartung in seiner Eröffnungsrede in Oslo. „Jedes Jahr würde ich gerne verkünden, dass sich die Zahlen verbessern. Doch bisher ist dies nicht geschehen. Dennoch gibt es einen kleinen Funken Hoffnung: Wenn wir die Lage in Ungarn betrachten, bin ich leicht optimistisch. Allerdings zeigt sich auch: Was einmal genommen wurde, lässt sich nicht schnell wiederherstellen.“ Die Preisträger:innen der Free Media Awards wissen, mit welchen Risiken sie ihren Beruf ausüben und für Pressefreiheit kämpfen – und halten dennoch mit Mut und Stärke daran fest. Dafür ehren wir Stiftungen sie mit der Auszeichnung und verschaffen Aufmerksamkeit auch außerhalb der jeweiligen Heimatländer.

Belarusischer Preisträger kurz vor Preisverleihung aus mehrjähriger Haft entlassen

Wie wichtig diese Unterstützung ist, machte nicht zuletzt der belarusische Preisträger Andrei Aliaksandrau deutlich, der in Oslo Standing Ovations erhielt. Gerade einmal zwei Wochen vor der Preisverleihung wurde er aus einer sechsjährigen Haftstrafe in Belarus entlassen. Es sei die Hymne des englischen Fußballvereins von Liverpool gewesen, die er im Gefängnis vor sich hingesummt und die ihm Kraft gegeben habe, sagt Aliaksandrau. Ihr Titel: „You’ll never walk alone“. In seiner Rede erinnerte Aliaksandrau deshalb auch an andere Kolleg:innen aus Belarus, die weiterhin inhaftiert sind, weil sie sich mit ihrer Berichterstattung gegen das Regime gestellt haben. Auch Aliaksandraus Frau Irina Zlobina war inhaftiert und wurde vor kurzer Zeit aus der Haft entlassen. Nun wurden beide im Zuge ihrer Freilassung nach Litauen abgeschoben.

Nino Bakradze, Preisträgerin aus Georgien, erinnerte sich in ihrer Rede an den Moment, als sie mit dem Redaktionsteam der Plattform iFact von der Auszeichnung mit dem Free Media Award erfuhr: Sie planten gerade gemeinsam das 10. Jubiläum des Mediums. Eigentlich wäre die Auszeichnung ein Grund gewesen, noch mehr zu feiern, so Bakradze, aber die Freude über die Anerkennung wurde durch das Bewusstsein getrübt, dass auch ihr Team bei iFact zu den bedrohten unabhängigen Journalist:innen im Land gehört. Bakradze erinnerte in diesem Zuge auch an die georgische Preisträgerin des vergangenen Jahres 2025, Mzia Amaglobeli, die weiterhin in Georgien inhaftiert ist.

Lola Tagaeva vom unabhängigen russischen Medium „Verstka“ war eigentlich schon aus dem Journalismus ausgestiegen, als Russland 2022 die Ukraine vollumfänglich angriff. Sie und wenige Mitsteiter:innen gründeten mit „Verstka“ kurzerhand ein neues Medium, um über die Machenschaften der russischen Armee, die versteckten Hinrichtungen und die Misshandlungen innerhalb der Armee zu berichten und aufzuklären – mittlerweile aus dem Exil in Prag. Für das armenische Medium Factor TV nahm Arevhat Sahakyan den Preis entgegen und verwies in ihrer Rede auf die unterschiedlichen Umstände der einzelnen Preisträger:innen, die aber dennoch verbunden im Kampf für Pressefreiheit sind

„Investigativer Journalismus ist in einem Kriegsland nicht nur möglich, sondern nötig“

Inmitten eines weiteren Jahres des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, sei außerdem etwas Bemerkenswertes zu erkennen, hatte Knut Olav Åmås, Executive Director der Stiftung Fritt Ord, in seiner Eröffnungsrede gesagt und dabei unter anderem den ukrainischen Preisträger Mykhailo Tkach hervorgehoben, Leiter des Investigativ-Teams der Ukrainska Pravda. Bemerkenswert sei es, dass es in der Ukraine als „vom Krieg gezeichneten Land (…) Raum für unabhängigen Journalismus gibt, der sich mit Kriminalität, Ungerechtigkeit und Korruption befasst – selbst in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen“, so Åmås. „Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass investigativer Journalismus selbst in einem Land im Krieg nicht nur möglich, sondern notwendig ist. Ja, die Aufrechterhaltung einer freien Presse ist einer der Gründe, warum dieser schreckliche Krieg geführt wird. Auch wenn die Ergebnisse investigativer Arbeit von Feind:innen missbraucht werden könnten – und auch tatsächlich missbraucht werden –, muss der Journalismus den Mächtigen die Wahrheit entgegenstellen. Tatsächlich ist dieser widerstandsfähige und mutige Journalismus ein Symbol dafür, was die Ukraine sein will und was sie nach der erhofften Rückkehr des Friedens werden möchte.“

Die Realitäten erkennbar zu machen, Machtinteressen und Fakten gegenüberstellen, frei zu berichten für eine informierte Gesellschaft – das sind die Kernaufgaben von unabhängigem Journalismus, für den die Preisträger:innen der Free Media Awards kämpfen, damit die Informationen zu uns gelangen – egal ob in Social-Feeds oder in klassischen Medien am Straßenkiosk. Oder eben über den Dächern von Oslo.

Im Anschluss an die Preisverleihung fand am 30. September in Oslo die Free Media Conference statt. Wie auch schon bei Preisverleihung waren hier neben Jurymitgliedern auch einige ehemalige Preisträger:innen und Vertreter:innen von mit dem Free Media Award ausgezeichneten Medien vertreten, darunter von Direkt36 aus Ungarn, Kolleg:innen der inhaftierten Mzia Amaglobeli aus Georgien und von Gwara Media (Ukraine).

Mehr zu den diesjährigen Preisträger:innen lesen Sie HIER. Mehr zu den Free Media Awards HIER.

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