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© Jonas Walzberg / ZEIT STIFTUNG BUCERIUS
Der Kompass von Marion Gräfin Dönhoff: Stipendien-Programm feiert 25-jähriges Bestehen

Text: Miodrag Soric

Unter schweren Kristalllüstern im Marmorsaal der Petersburger Universität kamen im April 2001 die ersten Teilnehmenden des sogenannten „Petersburger Dialogs“ zusammen – darunter auch Vertretende der Zivilgesellschaft und Journalist:innen. Umgeben von Luxus genossen Politiker:innen, Manager:innen, Geistliche oder Wissenschaftler:innen die scheinbare Aufbruchstimmung. Doch spätestens am Medientisch folgte die Ernüchterung: Deutsche und russische Journalist:innen saßen einander gegenüber und beäugten sich feindselig; der Austausch wollte nicht gelingen. Deutsche Redakteur:innen beklagten den Einfluss der Politik auf das Moskauer Fernsehen. Russische Medienmanager:innen warfen den Deutschen Besserwisserei vor und betonten, dass sich die Großmacht Russland ohnehin an den USA orientiere – was in Europa niemand verstehe. Die Scharmützel kosteten Stunden und hinterließen tiefen Frust. 

Eine Idee im Geiste der Gräfin 

In dieser Blockade entstand die Idee, etwas Neues zu wagen: ein deutsch-russisches Austauschprogramm für junge Journalist:innen, das auch andere osteuropäische Staaten wie die Ukraine, die baltischen Länder, Georgien und Polen einbezieht. Zurück in Deutschland boten die „Internationalen Journalisten Programme“ (IJP) den organisatorischen Rahmen. Die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS brachte als Kern-Förderin gemeinsam mit anderen Geldgeber:innen die nötigen Mittel auf.

Als die Journalisten Michael Thumann und Martin Spiewak bei der damaligen ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff vorfühlten, ob sie bereit wäre, mit dem ersten Jahrgang zu diskutieren, stimmte sie nicht nur zu – sie gab dem Stipendienprogramm am Ende sogar ihren Namen. Dies war die Geburtsstunde des „Marion Gräfin Dönhoff Programms“ der IJP, das nun sein 25-jähriges Jubiläum mit einer Podiumsdiskussion in Hamburg feiert. Im Herbst 2026 kamen dafür die Moderatorin und ZEIT-Journalistin Anastasia Tikhomirova, Matthias Naß, Internationaler Korrespondent der Chefredaktion der ZEIT, und Michael Thumann, Außenpolitischer Korrespondent der ZEIT, mit den Programm-Alumni Dr. Gesine Dornblüth, ehem. Deutschlandfunk-Korrespondentin in Moskau und Bestseller-Autorin, und Moritz Gathmann, freier Journalist in Hamburg zusammen, um mit Alumni und Alumnae, Freund:innen und Bekannten des IJP über die Geschichte und Zukunft des Programms und der deutsch-russischen Beziehungen zu sprechen.   

Das Fundament bleibt 

Denn auch wenn sich das Programm im Jahr 2026 drastisch von den Anfängen im Jahr 2001 unterscheidet: Das Fundament steht auf denselben Füßen: Das Marion-Gräfin-Dönhoff-Programm richtet sich an Medienschaffende aus Deutschland, Russland und Osteuropa. Das Prinzip des zweimonatigen Austauschs ist denkbar praxisnah: Während eine junge Kollegin vom WDR in einer georgischen Redaktion mitarbeitet, hospitiert ein junger russischer Reporter aus dem Baltikum beim Tagesspiegel in Berlin. Eine Jury aus erfahrenen Osteuropa-Journalist:innen und Absolvent:innen – darunter Ina Ruck, Andrej Gurkow und Christian Trippe – wählt jährlich die zehn bis zwölf Stipendiat:innen aus.

Der Mehrwert entsteht im kollegialen Miteinander: Die Fellows helfen sich gegenseitig bei Recherchen, teilen Kontakte und spiegeln die Perspektive der jeweils anderen Teilnehmenden. Nach Rückgängen während der Corona-Jahre steigen die Bewerbungszahlen heute wieder stark. 

Längst fängt das lebendige Alumni-Netzwerk die Fellows auf. Als Lena Cromal vom WDR 2025 ihr Stipendium für Moldau erhielt, konnte sie sich vorab bei Alumni in Chișinău über bezahlbaren Wohnraum und aktuelle Themen vor Ort informieren.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die totale Gleichschaltung der Presse in Belarus haben die Arbeit radikal verändert. Aus Sicherheitsgründen kann die IJP derzeit weder Reporter nach Moskau und Minsk noch in die Ukraine entsenden. Doch die Organisation besitzt Erfahrung im Umgang mit autoritären Regimen: Als deutsche Journalisten im nach Bundespräsident Johannes Rau benannten Türkei-Programm jahrelang keine Akkreditierungen erhielten, ließ man deutsche und türkische Kollegen kurzerhand in sicheren Drittländern gemeinsam an Projekten arbeiten.

Der Blick nach vorn

Das Gräfin-Dönhoff-Programm passt sich den neuen politischen Realitäten kontinuierlich an – ganz im Sinne seiner Namensgeberin, deren Credo lautete: „Nicht aufgeben, wenn es schwierig wird!“ Die Zusammenarbeit mit mutigen Journalist:innen aus Russland, Belarus und der Ukraine wird fortgesetzt. Viele russische und belarusische Medienschaffende, die seit Februar 2022 emigrieren mussten, bewerben sich heute aus dem Ausland. Deutsche Reporter:innen wiederum reisen zu Exilmedien wie Meduza nach Riga oder in Redaktionen nach Georgien. Gleichzeitig ist das Interesse ukrainischer Journalist:innen am Programm riesig. Deutsche Redaktionen profitieren enorm von ihrem Wissen und ihren Kontakten aus erster Hand; im Gegenzug sichern die Berichte der Stipendiaten aus Deutschland den osteuropäischen Redaktionen eine fundierte West-Berichterstattung, die sie sich über eigene Korrespondent:innen oft nicht finanzieren könnten.

 

Aus dem Programm sind einige der profiliertesten deutschsprachigen Osteuropa-Expert:innen hervorgegangen, darunter Alice Bota (DIE ZEIT), Gesine Dornblüth (DLF), Silvia Stöber (Correctiv), Julian Hans (SZ), Christina Nagel (WDR) und Moritz Gathmann (Stern) und viele andere. 

Stark unter Druck stehende geopolitische Rahmenbedingungen werden in den kommenden Jahren die Arbeit des IJP, der Alumni und internationaler Journalist:innen in und aus Osteuropa und Russland prägen. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage hier bleibt auf Jahre hinaus angespannt und von Propaganda geprägt. Umso wichtiger ist es, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: Verständigung durch persönliches Erleben und journalistische Zusammenarbeit. Während Diplomat:innen und Politiker:innen heute an ihre Grenzen stoßen, baut das Gräfin-Dönhoff-Programm weiter an den Brücken von morgen. Ein Vierteljahrhundert Verständigungsarbeit verdankt sich nicht zuletzt der verlässlichen Unterstützung der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS – ein Dank, den heute über 350 Alumni in Ost und West teilen.

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