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© Ulrich Perrey / ZEIT STIFTUNG BUCERIUS
„Für Studierende sind Mentoring-Projekte Brücken in das Berufsleben“: Dr. Marielle Liebert über unsere Initiative WEICHENSTELLUNG

Als Mentorin in unserem Projekt WEICHENSTELLUNG für Viertklässler begleitete Marielle Liebert während ihres Lehramt-Studiums Schüler:innen beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule. Während dieser Zeit konnte sie in den „Kosmos Schule“ eintauchen und sich intensiv mit den Perspektiven der Schüler:innen, von Lehrkräften und Eltern auseinandersetzen. Inzwischen ist aus der Studentin eine promovierte Wissenschaftlerin geworden:  Mit der praktischen Erfahrung aus ihrer Zeit bei WEICHENSTELLUNG im Gepäck hat Marielle Liebert die Rolle und Entwicklung von Mentor:innen im Rahmen ihrer Dissertation wissenschaftlich untersucht. „Zwischen verschiedenen Welten – Pädagogische Professionalisierung durch Mentoring“ lautet der Titel ihrer Dissertation, die 2025 im Logos-Verlag erschienen ist. In ihrer Analyse wirft Liebert einen Blick auf Möglichkeiten, die Mentoring-Programme für Lehramtsstudent:innen bieten und stellt deren Erfahrungen in den Mittelpunkt. Mit uns spricht sie über prägende Momente als Mentorin, die Ergebnisse ihrer Forschung, ihre Sicht auf das Schulsystem und warum vermeintlich rebellierende Schüler:innen oft falsch eingeschätzt werden. „Die Erfahrungen von Marielle Liebert fassen die Sicht als Mentorin und später als Wissenschaftlerin im Mentoring-Programm hochspannend zusammen – und lesenswert“, sagt Dr. Tatiana Matthiesen, Gesamtkoordinatorin von WEICHENSTELLUNG. Mehr zum Mentoring-Programm „WEICHENSTELLUNG für Viertklässler“, das nach 11 Jahren in Hamburg und über 500 unterstützten Schüler:innen in Hamburg seinen Abschluss fand, lesen Sie hier und auf der Webseite von WEICHENSTELLUNG.

Frau Liebert, welches Erlebnis hat Sie während Ihrer Zeit als Mentorin bei WEICHENSTELLUNG besonders geprägt?
Ein Ausflug im Winter ist mir im Kopf geblieben und hat mich geprägt: Einer meiner Mentees kam ohne Jacke und es war richtig kalt. Als ich das gesehen habe, war meine erste Reaktion ein Gefühl von Betroffenheit und ich habe mich gefragt, wie es dazu kommt, dass Eltern ihr Kind so nach draußen schicken. Ich habe das in dem Moment aus der Perspektive meiner eigenen Lebensrealität beurteilt. Im Nachhinein habe ich gelernt, solche Situationen mehr zu reflektieren. Es begleitet mich bis heute, dass ich dahintergucke, mit welchen Herausforderungen Familien ihren Alltag organisieren müssen und wie sich das auch auf die Kinder auswirkt.

Wie haben Sie das Problem der fehlenden Jacke gelöst?
Wir haben den Ausflug angepasst, auch, weil es geregnet hat. Das Bahnfahren wurde dann zur Stadtrundfahrt mit der U-Bahn, was auch lustig war. Viele Mentees kamen aus weiter entfernten Stadtteilen und für sie war die Hamburger Innenstadt aufregend.

Gab es während Ihrer Zeit bei WEICHENSTELLUNG einen Schlüsselmoment, der gezeigt hat, wie weit Ihre Mentees gekommen sind? 
Ich habe vor allem die Entwicklung der Mentees wahrgenommen. Am Anfang waren das drei 11-jährige Jungs, die ich betreut habe. Die waren voll mit Emotionen und Energie, dementsprechend drehte sich ein großer Teil unserer gemeinsamen Treffen um Konflikte. Wenn wir darüber sprachen, kochten am Anfang oft die Emotionen hoch und sie reagierten sehr impulsiv – da kam noch kein Schlichtungsgespräch zustande. Im Laufe der Zeit konnten wir diese Gespräche reflektierter führen und die Jungs haben gelernt, weg von Schuldzuschreibungen zu gehen und mehr die Perspektiven anderer einzunehmen. Das hat sich dann auch auf so etwas wie ihre Berufswünsche ausgewirkt: Anfangs wollten viele „Fußballprofi“ werden, ohne sich darüber informiert zu haben, was das bedeutet und wie wahrscheinlich das ist. Ohne die Seifenblase platzen zu lassen, haben wir uns damit beschäftigt, was denn zu so einer Karriere gehört. Bei den anderen, die keine Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft hatten, hat es dazu geführt, dass sie mit der Zeit informierte Fragen gestellt haben, was ihre berufliche Zukunft sowie Konflikte angeht.

„Wenn wir wirklich wollen, dass Schule chancengerecht ist, dann müssen wir Studierenden von Anfang an klarmachen, dass Vielfalt der Normalfall ist“

Was muss sich im deutschen Bildungssystem ändern, damit Kinder von Anfang an chancengerecht lernen können?
Wir gehen immer noch davon aus, dass alle Kinder mit den gleichen Voraussetzungen in die Schule kommen. Dass alle auf dem gleichen Stand anfangen und auch aufhören. Es würde schon viel helfen, sich klarzumachen, dass Chancengerechtigkeit nicht Gleichbehandlung bedeutet. Und ich glaube, dass man Potenziale von Kindern und Jugendlichen auch abseits von klassischen Leistungsbewertungen wahrnehmen muss. Denn viele Potenziale der Kinder, die ihre Leistungen nicht gut anhand von Noten oder guten Schulleistungen zeigen können, bleiben in unserem Schulsystem unsichtbar.

Welche verborgenen Potentiale sehen Sie hier?
Das ist individuell. Manche Kinder haben beispielsweise ein wahnsinniges sprachliches Verständnis oder auch ein Talent für Organisation. Einer meiner Mentees hat immer total freche Fragen gestellt. Seine Lehrer:innen sind verrückt geworden, weil sie meinten, dass er ihren Unterricht störe. Aber er hat einfach mal hinterfragt, was sie da machen – vielleicht auch, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber anstatt das als Gewinn zu sehen und diesen Schüler ein bisschen anders zu betreuen – nämlich mit Aufgaben, in denen diese Fragen zu etwas führen – wurde immer nur versucht, seine Fragen zu unterbinden. Das war kontraproduktiv. Ich glaube, wenn wir wirklich wollen, dass Schule chancengerecht ist, dann müssen wir Studierenden von Anfang an klarmachen, dass Vielfalt der Normalfall ist. Und dass Vielfalt nichts ist, was man ausgleichen muss. Das Ziel darf nie sein, Homogenität herzustellen, sondern mit der Heterogenität zu arbeiten und sie vor allem als Treiber für etwas zu nutzen. Dass das in der Praxis nicht immer leicht - manchmal gar unmöglich - scheint, ist mir klar und das habe ich am eigenen Leib erlebt. Dennoch macht es meiner Meinung nach einen Unterschied mit welcher Haltung man Heterogenität begegnet.

Wie könnten Universitäten und Schulen in dieser Hinsicht noch besser zusammenarbeiten?  Mentoring-Projekte, eng verzahnt mit der universitären Ausbildung, können als Brücke in die eigentliche professionelle Tätigkeit als Lehrperson wahrgenommen werden. Das kann auch nicht durch mehr Praktika ersetzt werden. Die Student:innen könnten das theoretische Wissen aus ihrem Studium dann mit einer langfristigen Begleitung eines Mentees verknüpfen und Erlebtes in Reflexionsanlässen besprechen. Diese wissenschaftliche Begleitung und Möglichkeit der Reflexion ist wichtig, damit solche Projekte nicht ins Leere laufen.

Herausfordernd, für Studierende aber gewinnbringend: Das „Dazwischen“ von Studium und Schule

Was hat Sie motiviert, im Anschluss an Ihre Zeit als Mentorin zum Effekt des Projekts zu forschen? 
Vor allem meine Erfahrung, weil ich meinen Blick auf Schule durch die Mentoring-Tätigkeit enorm erweitert habe. Ich habe Schule nicht mehr nur aus Sicht einer angehenden Lehrperson gesehen, sondern auch aus der Sicht des Kindes und den verschiedenen Lebenswelten, in denen es sich bewegt. Mit der Dissertation wollte ich zurücktreten und das Schulsystem nochmal von oben betrachten. Auch die Frage, ob andere Mentor:innen ihren Blick auch so weiten konnten und wenn ja, was das für einen Effekt auf deren späteren Werdegang als Lehrperson hatte, hat mich interessiert. Dieses Zusammenspiel von individueller Erfahrung und der systemischen Perspektive auf Schule fand ich unglaublich spannend.  

Was sind die zentralen Ergebnisse Ihrer Arbeit? 
Ich konnte in meiner Arbeit drei Verständnisse von professionellem Handeln ausarbeiten, hinter denen verschiedene Strategien für den Umgang mit Spannungsverhältnissen stecken, die im Lehrberuf auftreten: Es gibt diejenigen, die viel selbstständig handeln und innovativ denken und solche, die sich eher in die schulischen Rahmenbedingungen einfügen und nicht alles umsetzen, was sie eigentlich möchten. Zwischen diesen beiden Typen gibt es viele weitere Nuancen. Der dritte Typ ist also einer zwischen den Polen – diese Personen haben viel situativ entschieden und hinterfragt, sie fügen sich aber auch in den schulischen Rahmen ein.

Die Kernkategorie meiner Arbeit ist das „Dazwischen“, in dem Mentor:innen ständig agieren. Sie wechseln zwischen Schule und Studium, zwischen der Rolle als Studierende und der der pädagogisch Handelnden, zwischen Theorie und Praxis. Dieses Dazwischen hat sich als produktiver Raum für Professionalisierung erwiesen und wurde von den Mentor:innen als sehr herausfordernd und gleichzeitig gewinnbringend empfunden. 

Welche Vorteile bieten Mentoring-Programme wie WEICHENSTELLUNG für Lehramtsstudierende und inwiefern unterscheiden sie sich von den praktischen Phasen des Studiums?  
Der erste Vorteil ist die Langfristigkeit. Es sind nicht nur ein paar Wochen Praktikum, sondern drei Jahre, in denen die Mentor:innen kontinuierlich immer wieder in Schule reinschnuppern. Der zweite Vorteil ist die Verzahnung dieser praktischen Tätigkeit mit universitären Strukturen. Neben dem theoretischen Studium haben die Mentor:innen zusätzlich Supervision-Sitzungen, in denen sie alles reflektieren können. Und natürlich haben Student:innen, die als Mentor:innen arbeiten, keinen Leistungsdruck – anders als im Praktikum. Sie können das tun, was sie für richtig halten. Sie können sich ausprobieren, ohne Angst zu haben, dafür bewertet werden zu müssen. Die persönliche Entwicklung steht absolut im Vordergrund.

Interview: Anna Kracklauer

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