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© Phil Dera / Holtzbrinck Berlin
Zu viel Ich, zu wenig Wir? – ZEIT Forum Wissenschaft bringt Debatte erneut ins Humboldt Forum

Es scheint, als seien Wahlkämpfe das neue Brennglas einer gesellschaftlichen Spaltung: Von Wahl zu Wahl wird der Umgangston rauer, das Miteinanderreden immer komplizierter und das Gemeinschaftsgefühl mit jedem Mal noch schwieriger zu greifen. Doch wie konnte unsere Gesellschaft derart auseinanderdriften? Erleben wir mittlerweile zu viel Ich und zu wenig Wir?

Einen Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt versuchten Dr. Annekathrin Kohout, Kulturwissenschaftlerin und freie Autorin, Prof. Dr. Céline Teney, Professorin für Makrosoziologie an der Freien Universität Berlin, und Nora Zabel, politische Beraterin und Autorin, beim 102. ZEIT Forum Wissenschaft im Humboldt Forum in Berlin vor mehr als 400 Gästen erste Antworten zu finden. Moderiert von Dr. Sibylle Anderl (DIE ZEIT) und Dr. Kathrin Kühn (Deutschlandfunk) machten sich die drei Expertinnen auf die Suche nach dem Kitt unserer Gesellschaft.

Im Fokus: Ergebnisse der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Am Wahlergebnis vom Vorabend war dabei kein Vorbeikommen: Knapp 44 Prozent der Stimmen für die AfD – das sei auch ein Ausdruck des Scheiterns der demokratischen Parteien, sagte Nora Zabel, selbst Mitglied in der CDU. Die AfD habe es geschafft, den Menschen das Gefühl zu geben, dass ihnen wieder zugehört werde. Dabei seien die Wähler:innen der Partei keineswegs eine homogene Masse, betonte Céline Teney, die die Einstellungen von AfD-Wähler:innen zur Bundestagswahl 2025 untersucht hat. Nur rund 20 Prozent seien laut diesen Studien antidemokratisch eingestellt, die anderen 80 Prozent seien eher konservativ einzuordnen, die ihre Wahlentscheidung auch als Protest gegen und „Denkzettel“ für die bisher regierenden Parteien verstehen. In einem Punkt seien sich die meisten AfD-Wähler:innen aber dennoch einig: der Ablehnung von Migration.

Social Media und Big-Tech-Unternehmen treiben emotionalisierte Erregungsdebatten voran

Für Annekathrin Kohout besteht indes kein Zweifel, dass die sozialen Medien ein entscheidender Treiber für die zunehmende gesellschaftliche Spaltung sind. Die Autorin des Buches „Hyperreaktiv. Wie in Sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird“ stellte auf dem Podium die Veränderung der Diskussionskultur durch Social Media in den Mittelpunkt: Plattformen hätten in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass Gespräche immer mehr zu Talkshows werden – wo Menschen nicht mehr miteinander sprechen, sondern vor allem ihre eigenen Botschaften platzieren. Dadurch sei der Inhalt der Debatten in den Hintergrund gerückt und die Erregung zum neuen Fokus geworden. Einen maßgeblichen Anteil daran habe auch die Gestaltung der Social-Media-Plattformen großer Big-Tech-Unternehmen, betonte Kohout, denn diese belohnen die Emotionalisierung von Themen und versprechen Reichweite für Erregung. Social Media verstärke Blasen nachweisbar und erschwere den ernsthaften Austausch mit Andersdenkenden, betonte auch Céline Teney, Professorin für Makrosoziologie an der Freien Universität Berlin. Zwar hätten sich Menschen schon immer in Blasen bewegt, doch soziale Medien hätten diesen Effekt spürbar verstärkt. Außerdem habe die Corona-Pandemie dafür gesorgt, dass sich die Menschen in ihr privates Umfeld zurückziehen mussten und Kontakte zu anderen massiv heruntergefahren wurden. Nach der Pandemie sei der Austausch nicht wieder so angelaufen, wie es ihn vorher gab. Auch viele Vereine hätten bis heute als potenzielle Begegnungs- und Austauschorte unter den Folgen der Pandemie zu leiden.

Wann haben Sie zuletzt mit Menschen zu unterschiedlichen Positionen diskutiert?

Daran anschließend wollten die Moderatorinnen Sibylle Anderl und Kathrin Kühn von den anwesenden Zuhörer:innen im Berliner Humboldt Forum wissen: Wann haben Sie das letzte Mal mit einer Person diskutiert, die eine völlig andere politische Einstellung hatte? Fast 200 Personen im Saal nahmen an der Online-Abstimmung teil. 42 Prozent von ihnen gaben an, eine solche Diskussion erst in den letzten Tagen geführt zu haben, bei 38 Prozent gab es eine derartige Debatte zuletzt im Sommer dieses Jahres und 20 Prozent führten vor zwei, drei Jahren das letzte Mal ein solches Gespräch.

Doch was braucht es, um wieder aufeinander zuzugehen und ins Gespräch zu kommen? Die Makrosoziologin Céline Teney formulierte dafür auf dem Podium vier Bedingungen: eine Begegnung auf Augenhöhe, der Wille zur Kooperation, ein gemeinsames Ziel und eine institutionelle Unterstützung. Das alles könne beispielsweise bei einem Straßenfest oder dem Sportfest von Vereinen zu finden sein, wo Menschen gemeinsam anpacken, sich gegenseitig kennenlernen und neue Perspektiven entdecken. Die Politikberaterin Nora Zabel plädierte indes für mehr Offenheit in Debatten und ernsthaftes Interesse an der Meinung des oder der anderen. „Ich habe diese und jene Meinung, was denkst du dazu?“, sei eine Frage, die viel häufiger wieder gestellt werden müsse. Statt in einer Logik des Überzeugens zu denken, sollten wir stärker nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen, um dort anzusetzen und gemeinsam voranzukommen, betonte auch Annekathrin Kohout. Dabei könne es helfen, Social Media bewusst zu reduzieren und sich dem Sog der Algorithmen zu entziehen – auch weil Falschinformationen und KI-generierte Fakes die Debatten zunehmend anheizen und echte Diskussionen erschweren.

„Wissen allein reicht nicht“

Erleben wir also zu viel Ich, zu wenig Wir? Das 102. ZEIT Forum Wissenschaft von ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und DIE ZEIT, in Kooperation mit Deutschlandfunk, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, lieferte einen Anstoß für künftige Gespräche und Diskussionen, im privaten wie im öffentlichen Raum. Eine Maßgabe für diesen Austausch der Zukunft: weniger überzeugen, mehr zuhören, wieder gemeinsam über etwas sprechen. Oder, wie es Nora Zabel zum Abschluss formulierte: „Wissen allein reicht nicht, wenn man die Herzen der Menschen erreichen möchte.“

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