Freiraum schaffen für innovative Ideen, für aufwendige Recherchen, künstlerische Forschung und Projektkonzeptionen – zeitlich, vor allem aber finanziell: Das sind die Ziele der Stipendien für Darstellenden Künste, jährlich vergeben von uns als ZEIT STIFTUNG BUCERIUS. Zum mittlerweile dritten Mal erhalten im Jahrgang 2026 sieben Künstler:innen und Kollektive aus Hamburg und Norddeutschland ein Stipendium in Höhe von je 10.000 Euro. Die Künstler:innen wurden aus einer Vielzahl von Bewerbungen ausgewählt und bekommen die Förderung für ihre innovativen Ansätze und die vertiefte künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Zukunft.
„Die Vielzahl qualitativ sehr hochwertiger Anträge offenbart ein hohes künstlerisches Potenzial. Die Künstler:innen trotzen globalen Krisen und setzen ihnen utopische Momente von Solidarität entgegen. Im Zentrum der Auseinandersetzung mit dem Thema Zukunft zeigen sie Ambivalenzen von Aspekten wie Klima und Künstliche Intelligenz und Chancen eines vielfältigen Zusammenlebens auf“, kommentiert die fünfköpfige Jury ihre Auswahl. „Häufig werden Zukunftsfragen zum Anlass für die Bildung neuer Gemeinschaften, Rituale von Heilung und eines bewussten Umgangs mit der Natur. Die Auswahl bildet dabei eine große Vielheit von Künstler:innen und Kollektiven sowie ein breites inhaltliches und ästhetisches Spektrum ab. Zugleich spiegeln die Anträge die zunehmend prekäre Förderlandschaft, in der es immer herausfordernder wird für Künstler:innen der darstellenden Künste, Projekte umzusetzen.“ Die Expert:innen-Jury bildeten in diesem Jahr András Siebold (Künstlerische Leitung Internationales Sommerfestival auf Kampnagel), Prof. Dr. Joy Kristin Kalu (Professur Performance- und Theatertheorie an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Dramaturgin, Kuratorin), Annette Stiekele (Theaterkritikerin beim Hamburger Abendblatt), Helge Schmidt (Regisseur und Stipendiat 2024) und Stefanie Jaschke-Lohse (Bereichsleiterin Kunst & Kultur bei der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS).
Aus der Vielzahl von Bewerbungen hat die Jury folgende Stipendiat:innen ausgewählt:
Zandile Darko, Performerin und Theatermacherin aus Hamburg, arbeitet im Kontext des Stipendiums an der künstlerischen Recherche- und Gesprächsreihe „Tending the Fire“ für Schwarze Künstler:innen. Im Zentrum stehen wöchentliche, öffentlich zugängliche und aufgezeichnete Zoom-Gespräche, in denen Darko jeweils mit einer Schwarzen Künstler:in über Zukunftsvisionen ins Gespräch kommt. Die Gespräche werden in einem digitalen Archiv gesammelt; parallel dazu entsteht mit der „Tending the Fire Power Hour“ ein geschützter Raum ausschließlich für Schwarze Künstler:innen. Ausgehend von zehn persönlichen Kontakten wächst dieses Netzwerk weiter, indem jede teilnehmende Person eine weitere einlädt. Das Projekt verbindet Sichtbarkeit, Vernetzung und Archivierung. Zandile Darko geht von der Überzeugung aus, dass Künstler:innen und Gesellschaft nur dann zukunftsfähig sind, wenn sie sich über Ländergrenzen und kulturelle Horizonte hinweg vernetzen und einander zuhören. Für Schwarze Künstler:innen ist die Erfahrung einer von Krisen geprägten Zukunft keine neue – sie haben Strategien des Überlebens, der Imagination und der kollektiven Resilienz entwickelt, die wertvolle Impulse für gesellschaftliche Transformationsprozesse bieten.
Mit „RE:CODING LOCAL FUTURES“ verbindet die interdisziplinäre Künstlerin Véronique Langlott norddeutsches Kultur- & Landschaftserbe mit handwerklicher Tradition und zeitgenössischer Performancekunst. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie lokales Kulturerbe nicht nur bewahrt, sondern als Impulsgeber für gesellschaftlichen Wandel und künstlerische Innovation aktiviert werden kann. Eine Hauptrolle kommt dabei regionaler Schafwolle aus Norddeutschland zu – einst ein wertvoller Rohstoff, heute oft als Abfall betrachtet. Das Projekt erforscht das Erbe deutscher Filz- und Webtraditionen sowie deren Verflechtungen mit lokaler Landschaft, Ressourcennutzung und sozialen Transformationsprozessen. Diese Auseinandersetzung wird in eine gemeinschaftliche, künstlerisch-politische Praxis übersetzt, die Verbindungen zwischen Stadt und Land, Vergangenheit und Gegenwart sowie Zukunftsperspektiven herstellt. Das Projekt findet zwischen Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern statt und eröffnet Räume für transdisziplinären Austausch, in denen lokales Wissen auf zeitgenössische künstlerische Ansätze trifft.
Kameron Locke, interdisziplinärer Performancekünstler aus Hamburg, erhält ein Stipendium für das Forschungsprojekt „Who do you think you are?“. Ausgehend von der Frage, wie sich Identität in Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit und Umbrüche verändert, schafft das Projekt eine Verbindung aus Interviews mit Menschen aus Schwarzen diasporischen, migrantischen und LGBTQ+-Communities in Europa und Nordamerika und künstlerischen Workshops sowie historischer Recherche. Im Zentrum steht die Suche nach neuen Formen des Ausdrucks jenseits festgeschriebener Rollenbilder und gesellschaftlicher Zuschreibungen. Die Erkenntnisse fließen in eine performative Work-in-Progress-Präsentation ein, die den Forschungsprozess erkennbar macht.
Larry Macaulay, Hamburger Medienkünstler, wird mit dem Stipendium für sein Forschungsprojekt „Performing Futures: Afrofuturism as a Vision-Performance-Machine“ gefördert. Das Projekt entwickelt Afrofuturismus als kollektive performative Methode, um Zukunftsentwürfe für Europa gemeinsam zu erproben und neu zu denken. Künstler:innen, Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung sowie Kulturinstitutionen entwickeln transdisziplinäre Performances, in denen heutige gesellschaftliche Ungerechtigkeiten als bereits überwunden vorgestellt werden. Eine Live-Performance, Radioproduktionen und partizipative Workshops verbinden sich zu einem künstlerischen Forschungsprozess, der marginalisierte Perspektiven stärkt und neue Vorstellungen von gesellschaftlichem Wandel eröffnet.
Das Duo aus Regisseur Ilario Raschèr und der Bildenden Künstlerin Lili Süper schafft mit „Simultator Sickness“ ein künstlerisches Forschungsprojekt zu Out-of-Body-Experiences, Avataren und digitalen Körpererfahrungen. Zwischen Bremen und Hamburg inszeniert das Duo einen Parcours, in dem Zuschauer:innen zu ihren eigenen Avataren werden: Ausgestattet mit einer VR-Brille beobachten sie sich durch Bilder von Live-Kameras, während sie den Parcours durchschreiten und dabei verschiedene Aufträge erledigen. Der Blick auf sich selbst ändert sich von der alltäglichen „first person“ zur „third person“-Perspektive, wie man sie aus den meisten Videospielen kennt. Dabei entsteht eine Bild- und Erfahrungswelt, die gleichzeitig die Entfremdung und Gamifizierung der Gegenwart veranschaulicht und auf eine sinnliche und spielerische Weise kritisch beleuchtet. Zentral ist dabei die Überlagerung digitaler Räume und Ästhetiken mit der körperlichen Wahrnehmung der Teilnehmer:innen. Das Projekt untersucht damit, wie Digitalisierung unser Verhältnis zu Körper, Identität und möglichen Zukunftsentwürfen verändert.
„Timmy oder die Qual vom Wal – Eine Recherche über Zukunft und Zusammenhalt“ ist das künstlerische Forschungsprojekt des Hamburger feministischen Musiktheaterkollektivs staatsoper24. Im Namen des Kollektivs erhalten die Hamburgerinnen Lisa Florentine Schmalz und Pauline Jacob ein Stipendium für Darstellende Künste. Ausgangspunkt des Projekts ist der im März 2026 gestrandete Buckelwal „Timmy“, der in Deutschland zur medialen Projektionsfläche wurde: Wissenschaftsskepsis, gesellschaftspolitische Spaltung – an Timmy entzünden sich die großen Fragen unserer Gegenwart und Zukunft. Und so wird ein Wal mit Zinksalbe im Livestream zur tragischen Hauptfigur einer polarisierten Welt. Für das feministische Musiktheaterkollektiv ist Timmy zudem aus einem spezifischen Grund sensationell: Wale singen. Das Musiktheaterkollektiv widmet sich mit Timmy und seinen Artgenoss:innen in einer ausführlichen Recherche, die in einem Konzept für ein späteres Musiktheaterstück münden soll. Dabei arbeitet das Musiktheaterkollektiv an der Schnittstelle von Meeresbiologie, Politik, Popkultur und Musik. Das Kollektiv führt dafür Interviews mit wissenschaftlichen Expert:innen, arbeitet sich in Berichterstattung und Metaebene des Timmy-Falls ein, schaut „Free Willy“ und entwickelt erste musikalische Skizzen zwischen Popsong, Opernarie und Walgesang.
Das Kollektiv House of Brownies, unter anderem vertreten durch Pascal Ananda Schmidt (dey/dem) und Tash Manzungu, erhält eine Förderung für das künstlerische Forschungsprojekt „Rituals for a Broken Tomorrow“. Mit dem Projekt bringt das BIPoC-Performancekollektiv BIPoC-, migrantische und queere Künstler:innen zusammen, um zu erforschen, wie Rituale den Umgang mit Ungewissheit prägen. Ausgehend von den wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der Gegenwart eröffnet „Rituals for a Broken Tomorrow“ zugleich einen Raum, um Zukünfte jenseits des bloßen Überlebens zu imaginieren. In verschiedenen miteinander verknüpften Formaten – einer Social-Media-Kampagne mit LGBTQ+-Aktivist:innen, angeleiteten Bewegungssessions, einem Community Dinner und einem abschließenden Ball – untersucht das Projekt, wie Rituale Fürsorge, Resilienz, Trauer und Vorstellungskraft stärken können.
Die Stipendien für Darstellende Künste der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS
Die Stipendien für Darstellende Künste wurden 2024 von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS ins Leben gerufen und richten sich an professionell produzierende Künstler:innen sowie künstlerische Kollektive aus allen Bereichen der Freien Darstellenden Künste, die in Hamburg oder Norddeutschland leben und arbeiten. Die Förderungen sollen eine vertiefte Auseinandersetzung, intensive künstlerische Befragung, transdisziplinären oder transkulturellen Austausch sowie neue kooperative Ansätze ermöglichen. Die Stipendien können für eine Vorbereitungs- und Recherchephase, die Fortführung oder Finalisierung eines Projekts genutzt werden. Im Bereich der Darstellenden Künste, vor allem in der Freien Szene, fallen aufwendige Recherchen, künstlerische Forschungen und Projektkonzeptionen in der Regel in die Arbeitsphasen zwischen zwei Projektförderungen. Mit den Stipendien für Darstellende Künste will die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS diese strukturelle Förderlücke schließen und eine fundierte künstlerische Auseinandersetzung mit komplexen Inhalten ermöglichen.
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