Die Pressefreiheit in der Region Mittel- und Osteuropa ist nach wie vor stark eingeschränkt. Auch in diesem Jahr vergeben die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und die norwegische Stiftung Fritt Ord deshalb Free Media Awards an insgesamt fünf Journalist:innen und Medien – in Anerkennung ihrer mutigen investigativen Berichterstattung unter äußerst schwierigen Umständen. Seit 2016 wählen die Stiftungen gemeinsam mit einer Fachjury Preisträger:innen aus, um die unabhängige Berichterstattung in Osteuropa zu stärken und Journalist:innen und Redakteur:innen dazu zu ermutigen, ihre Arbeit trotz Bedrohung und gewaltsamer Unterdrückung fortzusetzen.
Ausgezeichnet mit den Free Media Awards 2026 werden:
- Mykhailo Tkach, Investigativjournalist aus der Ukraine
- iFact, Nachrichtenportal aus Georgien
- Factor TV, Online-Medium aus Armenien
- Verstka, Medienplattform aus Russland (im Exil)
- Andrei Aliaksandrau, inhaftierter Journalist aus Belarus
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Die diesjährige Preisverleihung findet am Dienstag, 29. September, im Osloer Munch Museum statt. Im Anschluss tagt eine begleitende internationale Free Media Konferenz in der Fritt Ord Stiftung. Die Preisverleihungen der Free Media Awards finden jährlich abwechselnd in Oslo und Hamburg statt.
„Unbequeme Fragen zu stellen, Wahrheiten aufzudecken, Machthaber zu Verantwortung zu ziehen, kann Leben retten“
Für den ukrainische Preisträger Mykhailo Tkach ist die freie Presse kein Luxus, sondern Teil des Kampfes um die Freiheit der Ukraine: „Immer wieder erlebt die ukrainische Gesellschaft, dass es Mut braucht, das Wort zu ergreifen, wenn andere schweigen. So erhielten vor zwei Jahren meine Kolleg:innen der ‚Ukrainska Pravda‘ E-Mails mit einer klaren Botschaft an mich, dass es lebensrettend sein kann, zu wissen, wann man den Mund halten sollte. Trotz dieses Drucks auf die ‚Ukrainska Pravda‘ und andere unabhängige Medien haben wir weitergemacht und das Gegenteil bewiesen: Unbequeme Fragen zu stellen, Wahrheiten aufzudecken, Machthaber zu Verantwortung zu ziehen, kann Leben retten. Schweigen schützt die Demokratie nicht. Journalismus schon.“
Die Jury der Free Media Awards 2026
Alle Kandidat:innen und Redaktionen wurden von internationalen Institutionen und Organisationen, die in Ost- und Mitteleuropa tätig sind, oder von Expert:innen für diese Region nominiert. Die internationale Jury, die die Preisträger:innen für 2026 ausgewählt hat, besteht aus: Alice Bota (Osteuropa-Korrespondentin der ZEIT), Juri Durkot (ukrainischer Journalist und Übersetzer), Attila Mong (Europa-Vertreter des Komitees zum Schutz von Journalisten in Berlin), Inna Sangadzhieva (Direktorin für Europa und Zentralasien beim Norwegischen Helsinki-Komitee) und Silvia Stöber (Senior Reporterin bei Correctiv).
Über die Preisträger:innen der Free Media Awards 2026
Mykhailo Tkach (Ukraine)
Mykhailo Tkach erhält den Free Media Award für seinen unerschrockenen und konsequenten Investigativ-Journalismus in Kriegszeiten. Als Leiter der Investigativ-Abteilung der Zeitung „Ukrainska Pravda“ prägt er die öffentliche Debatte in der Ukraine und auf internationaler Ebene mit, indem er Korruptionsfälle und Machtmissbrauch aufdeckt. Seine Enthüllungen über Bestechung bei der Vergabe von Regierungsaufträgen oder der Beschaffung von Verteidigungsmaterial sowie Reportagen über verschwenderischen Lebenswandel von Mitgliedern der ukrainischen Oberschicht im Ausland sind auf breite Resonanz in der ukrainischen Gesellschaft gestoßen und beispielhaft für seine investigative Arbeit. Mykhailo Tkach hat darüber hinaus die verdeckte russische Einflussnahme auf westliche Länder aufgedeckt. Er hat bereits mehrfach Drohungen erhalten. Tkachs Arbeiten sind ein hervorragendes Beispiel dafür, dass investigativer Journalismus in einem Land im Kriegszustand nicht nur möglich, sondern unabdingbar ist. Tkach erhielt in diesem Jahr den Georgiy-Gongadze-Preis, eine der renommiertesten ukrainischen Auszeichnungen für unabhängigen Journalismus.
iFact (Georgien)
iFact erhält den Free Media Award für seinen bedeutenden investigativen Journalismus zu Themen von großem öffentlichem Interesse in Georgien, die von anderen Medien nicht aufgegriffen werden. Die Investigativ-Journalist:innen des in Tiflis beheimateten Nachrichtenportals haben wichtige Recherchen zum russischen Einfluss in ihrem Land und dessen Verbindungen zur Partei Georgischer Traum sowie zur Korruption der staatlichen Eliten vorangetrieben. Die größte Öffentlichkeitswirkung hatten iFacts Berichte zur mangelnden Unabhängigkeit der staatlichen Ombudsstelle, zum Missbrauch der georgischen Grenzen als „grüner Korridor“ zur Umgehung von Sanktionen sowie zur russischen Finanzierung georgischer Organisationen, die prorussische Propaganda verbreiten. Mit größtmöglicher Integrität hat iFact auch zu journalistischen Kooperationen über Grenzen hinweg beigetragen. Trotz zunehmenden staatlichen Drucks bleibt iFact eine verlässliche Medienplattform. iFact wurde 2016 von Nino Bakradze und Nino Gagua gegründet. Nino Bakradze hat von Beginn an die Position der Chefredakteurin inne.
Factor TV (Armenien)
Der in Jerewan beheimatete Sender Factor TV erhält einen Free Media Award für seinen unabhängigen, faktenbasierten Journalismus, der zu einem differenzierteren öffentlichen Diskurs in Armenien beiträgt. Mit seinen kritischen Berichten und Reportagen bekämpft er Desinformation und Propaganda und ist damit eins der führenden und vertrauenswürdigsten Medienportale in Armenien. Factor TV hat sich durch investigative Recherchen zu Korruption, Integritätsverletzung und Machtmissbrauch hervorgetan, welche strafrechtliche Ermittlungen und Disziplinarverfahren zur Folge hatten. Factor TV berichtet über sensible Themen wie Menschenrechte, Gewalt gegen Frauen und Rechte von Minderheiten. Angesichts ansteigender Desinformationen, politischer Propaganda, Hate Speech sowie Manipulation und Einmischung ausländischer Akteure entlarvt und widerlegt Factor TV Desinformationen mit fakten-basiertem Journalismus. Factor TV wurde 2017 von Arevhat Sahakyan, dem Vorsitzenden von „Factor Information Center“, gegründet. Vanik Hakobyan ist der Chefredakteur.
Verstka (Russland)
Die unabhängige Medienplattform Verstka wurde im April 2022 als Reaktion auf die Zerschlagung russischer Medien während Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine gegründet. Sie hat ihren Sitz in Prag und erhält den Free Media Award, weil sie eine verlässliche Quelle für Informationen aus erster Hand zu den Opfern des Krieges, der Militarisierung, häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt und der Verfolgung von LGBTQ+-Communitys darstellt. Die Journalist:innen von Verstka dokumentieren regelmäßig über das Schicksal von Menschen, die sich gegen den Krieg stellen. Verstka berichtet ohne Angst vor Zensur, Druck oder Manipulation aus Russland und ist eines der am häufigsten zitierten unabhängigen russischen Medienportale. In Russland wird das Nachrichtenportal Verstka seit Juni 2022 blockiert und die Chefredakteurin Lola Tagajewa wurde im Januar 2024 als „ausländische Agentin“ eingestuft. Trotz dieser massiven Einschränkungen berichtet Verstka weiter aus russischen Gerichten und den russischen Regionen. Ihre Quellen und Informanten liefern dabei unter großem persönlichen Risiko Informationen für die Berichterstattung von Verstka.
Andrei Aliaksandrau (Belarus)
Der Journalist Andrei Aliaksandrau, der momentan in Belarus inhaftiert ist, wird für seinen Mut und sein Engagement für Presse- und Meinungsfreiheit unter einem zunehmend repressiven Regime mit einem Free Media Award geehrt. Durch seine Arbeit bei der unabhängigen belarussischen Nachrichtenagentur BelaPAN und dem belarussischen Journalistenverband BAJ hat er professionelle journalistische Standards gefördert und gefestigt, unabhängige Medien unterstützt und internationale Netzwerke von Journalisten und Verteidigern der Menschenrechte aufgebaut. Andrei Aliaksandrau wurde wegen seiner Arbeit im Jahr 2021 verhaftet. 2022 wurde er aufgrund angeblicher Vergehen zu einer Gefängnisstrafe von 14 Jahren verurteilt. Er ist als politischer Gefangener anerkannt.